ein ganz besonderer Besuch

Vor einiger Zeit hatten wir Besuch von einer erwachsenen Autistin. Ich hatte sie schon vorher mal getroffen, aber Niklas lernte sie zum ersten Mal kennen. Es waren schöne und auch beeindruckende Stunden, die wir miteinander verbrachten – in mancher Hinsicht auch sehr aufschlussreich.

Sara (Name, wie immer, geändert) kam mit ihrem kleinen, schlauen und sehr liebenswerten Hund – und obwohl Niklas Tiere (und kleine Kinder) oftmals wie Dinge behandelt und man sehr aufpassen muss, dass er nicht nach ihnen tritt oder schlägt, stellte dieser kleine Hund eine wunderbare Möglichkeit des Zugangs zu Niklas dar. Denn Kira (Hundename auch geändert) reagiert unter anderem auf Zeichen. So war das eine Gemeinsamkeit zwischen Niklas und Kira – eine Art Gebärdensprache als gemeinsamer Nenner. Kira setzte sich, legte sich hin oder drehte sich im Kreis oder sprang hoch, wenn man die entsprechende Gebärde dazu machte. Das war natürlich super.

Sara kreiselt gern Dinge, genauso wie Niklas. Und so saßen wir viel zusammen und kreiselten Bälle, andere Dinge und uns selbst. Nunja, das heißt eigentlich: Sara und Niklas kreiselten und ich war fasziniert wegen dieser Parallele. Dabei erzählten wir, ich übersetzte, was Niklas gebärdete, und die Stunden vergingen sehr angenehm, wie im Flug.

Wir waren auch bei uns im Garten und Niklas machte, wie immer, verschiedenste Geräusche, ging hierhin und dorthin und wiederholte die Geräusche. Sara lachte und fragte mich, ob ich auch das Echo hören würde. Wir hätten ein ganz tolles Echo in unserem Garten. Echo? Nein, welches Echo? Sie konnte gar nicht glauben, dass ich das Echo nicht hören konnte, aber Niklas begriff natürlich sofort, dass da endlich jemand in unserem Garten war, der – wie er – dieses tolle Echo, das ich bis heute nicht hören kann, hörte. Allerdings verstehe ich seitdem viel besser, warum er sich auf den Bauch klatscht, lauscht und sich freut, wenn wir im Garten sind und ich kann (zumindest in der Theorie) nachvollziehen, warum er sich ganz weit hinten am Ende des Gartens an eine Mauer stellt und „buh“ macht oder dagegen klatscht.

Sara fragte mich nach unserem Treffen, ob es unsensibel von ihr gewesen ist, so ungläubig nachzufragen, ob ich das Echo wirklich nicht hören kann. Sie sei sehr überrascht gewesen und konnte sich nicht vorstellen, dass Andere „sowas“ wirklich nicht hören können.
Nein, ich fand es überhaupt nicht unsensibel, sondern sehr, sehr hilfreich. Sara konnte mir vermitteln, was Niklas in unserem Garten hört, und dafür bin ich absolut dankbar.
Dieses Erlebnis macht auch im Nachhinein so Vieles deutlich für mich. Selbst wenn ich versuche, die Perspektive zu wechseln, selbst wenn ich versuche, das zu hören, von dem ich weiß, dass es ein anderer hört, gelingt es mir nicht. Dennoch ist es aber da und muss berücksichtigt werden, da es statt eines wohltuenden Echos auch um ein schmerzendes Geräusch gehen könnte, das ich ebenso wenig höre. Es könnte manche impulsiven Ausbrüche erklären, deren Gründe ich nicht immer nachvollziehen kann. Doch so sehr ich mich auch anstrenge, manches kann ich einfach nicht hören oder auch sehen oder fühlen. Das Echo ist hierbei ja nur ein Beispiel für verschiedene Formen der Wahrnehmung.
Es hat mich wieder einmal gelehrt, wie wichtig es ist, Kontakt zu anderen Autisten zu suchen, diese Kontakte zu pflegen, sie wertzuschätzen und als einen Teil von Niklas` Leben und Wahrnehmung in unser Leben zu integrieren. Denn nur so kann sich das Gespür füreinander weiter entwickeln.

Mit „Gespür füreinander“ meine ich damit durchaus auch die andere Richtung. Denn, liebe Autisten, wir NTs hören, sehen, fühlen, riechen, schmecken es manchmal wirklich nicht, so sehr wir uns auch bemühen. Und was vielleicht manchmal ignorant wirkt und als ein Übergehen von Bedürfnissen erscheint, ist gar nicht böse gemeint, sondern Unwissenheit geschuldet – Unwissenheit eure besondere Wahrnehmung betreffend.
Mit ist natürlich klar, dass ich hier nur für mich sprechen kann. Mir ist auch klar, dass es da sicher ganz andere Erfahrungen gibt, nach denen man zurecht von Ignoranz sprechen kann. An dieser Stelle kann ich nur versichern, dass ich persönlich immer versuchen werde, mich „einzu-empfinden“ – soweit es mir möglich ist – dabei komme ich an Grenzen und bin für jede „Übersetzung“ dankbar 🙂

Auf einen ganz wichtigen Aspekt, was unseren gemeinsamen Nachmittag anbelangt, möchte ich noch zurückkommen.
Sara fragte mich nach unserem Treffen auch, ob ich eigentlich immer alles übersetze, was Niklas gebärdet bzw. was er an Emotionen und Reaktionen zeigt. Ihr sei aufgefallen, dass ich wie eine Dolmetscherin immer an seiner Seite und somit ständiges Bindeglied zwischen ihm und seinen Mitmenschen bin. Sie meinte, dass das gar nicht immer nötig sei, sondern sich Niklas eigentlich sehr gut selbst verständigen kann, viele seiner Reaktionen seien für sie völlig nachvollziehbar gewesen und wenn er mit der Gebärdensprache bei seinem Gegenüber an Grenzen stößt, könne ich ja immer noch vermittelnd eingreifen.
Darüber dachte ich eine Weile nach und kam zu dem Schluss, dass sie damit vollkommen Recht hat. Es ist mir quasi in Fleisch und Blut (RW) übergegangen, immer zu übersetzen und zu vermitteln. Vielleicht ist es manchmal gar nicht korrekt, was ich übersetze – vielleicht will er manches gar nicht übersetzt haben – vielleicht wäre es viel besser, wenn sich der Gesprächspartner in dem Moment selbst die Mühe macht, Niklas zu verstehen – vielleicht sollte ich mich mehr zurücknehmen – … Gedanken, viele weitere Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Ja, das hat mich dieses Treffen und Saras Frage im Nachhinein auch gelehrt. Ich sollte mich mehr zurücknehmen und mich nur einschalten, wenn ich merke, dass Missverständnisse entstehen oder die Kommunikation, die bei Niklas vollständig non-verbal abläuft, in eine Sackgasse gerät.
Nun ist Sara selbst Autistin und hat daher ganz besonders gute Antennen für Niklas und versteht ganz bestimmt mehr als andere Mitmenschen, überlegte ich noch. Aber das ändert im Grunde nichts daran, dass ich der Kommunikation zwischen Niklas und jedem beliebigen anderen Menschen mehr Raum geben werde – mehr Raum führt zu mehr Entfaltung, mehr Selbstständigkeit, mehr Bindung auch zu anderen, mehr Freiheit.
Inzwischen sind schon ein paar Tage vergangen und ich habe versucht, diesen Vorsatz umzusetzen. Es ist gar nicht so leicht und ich merke, wie sehr ich mich immer wieder daran erinnern muss, mich mehr zurückzunehmen. Und ich bin für diesen Impuls, den mir der gemeinsame Nachmittag mit Sara und Kira gegeben hat, sehr dankbar. Denn zu sehen, wie sich Kommunikation entwickelt, ohne dass ich vermittelnd und damit auch unbewusst Richtung weisend einschalte, ist sehr spannend.

 

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Zum Weiterlesen:

Autismus und Gebärdensprache

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One comment

  • Saskia

    Danke für deinen Bericht.
    Es müssen wirklich öfter die Autisten zu Wort kommen, die ihre Wahrnehmungen in Worte verfassen können.
    Meist reden ja leider die Ärzte oder Therapeuten, die meinen zu wissen, wie es im inneren eines Autisten ausschaut.
    Früher habe ich auf die Fachkräfte gehört und war erstaunt das alles noch schlimmer wurde. Ich habe mein Kind nicht mehr erkannt. Jetzt haben wir uns mal kurz von allem lösen können und MEIN Kind ist wieder da. Sie haben mein Kind blockiert.
    Aber auf die Idee muss man erst einmal kommen und dann auch noch die Kraft haben sich dagegen zu wehren.

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