Die Schwierigkeit mit Übergängen – besonders in der Pubertät

Vor drei Monaten hatte ich einen ersten Beitrag über unseren Pubertätsalltag geschrieben.
In „Wir sind gerade in der Pubertät – und Ihr so?“ ging es darum, erste kleine Einblicke in die Baustellen zu geben, die sich mit dem „Sturm-und-Drang-Alter“ auftun.

Drei Monate später sind wir – oh Wunder 🙂 – immer noch mittendrin!

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Übergänge sind schwierig

Die Schwierigkeiten mit Übergängen kennen viele auch unabhängig vom Pubertätsalter.
Wenn Ferien oder Urlaubsreisen anstehen, ist es bei uns schon immer mit ein paar Tagen Übergangszeit verbunden, in denen Niklas kaum schläft und erst in einen neuen Rhythmus finden muss.
Auch die kleinen Übergänge im Alltag sind für viele Autisten mit Anstrengung verbunden. An einem neuen Ort herrscht eine andere Akustik .
Menschen oder Mitarbeiter, die sich abwechseln, sind mit neuer Mimik, neuer Stimme und einem neuen Geruch verbunden.
Ausflüge sind mit einem neuen Level von Unberechenbarkeit assoziiert.

BrückeJeder kleine Übergang bedeutet ein Sich-neu-einstellen auf Orte, Situationen und Menschen. Das ist für viele autistische Kinder nicht einfach.
Dabei geht es auch nicht ausschließlich um die neue Situation, die folgen wird, sondern auch um den Übergang selbst, der einen eigenen Teil bildet – wie eine Brücke oder eine Straße. Dieser Teil kann sehr kurz, aber dennoch mit großer Unsicherheit verbunden sein.

AutistInnen brauchen deshalb vorausschauende und sensible Begleitung, visualisierte Pläne und besprochene Tagesabläufe mit allen Veränderungen, die darin spontan auftreten können.

 

Die Schwierigkeit der Übergängen hat sich mit der Pubertät verstärkt…

… sie stößt sich (rw) nämlich an dem im ersten Beitrag beschriebenen Drang nach Selbständigkeit und Selbstbestimmung. Diesen Zusammenhang konnte ich erst nach einiger Zeit herstellen.

Wenn man ein autistisches Kind im Teenageralter hat, haben die meisten Eltern und Bezugspersonen schon lange verstanden, wie wichtig Strukturen bei einzelnen Handlungen und im Tagesablauf sind.
An dieser Stelle ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass es in der Pubertät zwar immer noch hilfreich ist, sich als AutistIn an einem solchen Plan orientieren zu können, dieser Plan aber dann mit dem unbändigen Drang nach Freiheit und Selbständigkeit kollidieren kann: „Ich will diesen scheiß Plan nicht“, „Ich will selbst entscheiden, wann es etwas zu essen gibt.“

SchulbusIn unserem Alltag erschwert das vor allem Situationen mit Übergängen sehr: das Nachhausekommen nach der Schule („ich will nicht, wie sonst immer, nach der Schule mit dem Bus fahren und dann durch die Haustür gehen“), das Aufstehen morgens („ich will gar nicht oder erst später in die Schule“), das Begrüßen und Verabschieden von Besuch, das warten müssen auf Besuch („ich will entscheiden, wann die kommen und wieder gehen“). Ganz allgemein wird gegen vieles rebelliert, was sich bisher im Alltag als bewährte Strukturen etabliert hatte. („Nein, das will ich nicht mehr, allein schon deshalb, weil es von mir erwartet wird und schon immer so war.“)

 

Selbstbestimmte Kompromisse finden

Gar nicht so einfach, da Kompromisse zu finden, denn Kompromissfähigkeit ist zumindest bei meinem autistischen Sohnemann nicht besonders ausgeprägt, da gibt es meistens nur entweder – oder.
TeenagerEine Übergangslösung für eine bestimmte Situation hat er vor einiger Zeit dennoch für sich finden können, und zwar ganz alleine:

Das abendliche Ins-Bett-bringen-Ritual wollte er nicht mehr. Offenbar hatte er beschlossen, dass er dafür jetzt zu alt ist. Außerdem hatte er beschlossen, dass wir ihn nicht mehr ins Bett bringen sollen, das will er ganz alleine machen.
Sein Kompromiss: wir unterhalten uns noch auf dem Sofa im Gästezimmer mit ihm über den Tag (das mag er nach wie vor sehr gerne) und sagen dann „Gute Nacht. Du kannst ja dann alleine ins Bett gehen.“
Das gefällt ihm, er kann von dort noch in den Garten hinaus schauen und wenn er nicht vor lauter Erschöpfung schon auf dem Sofa einschläft und wir ihn dann schlaftrunken später in sein Bett geleiten, stapft er eine halbe Stunde nach dem „Gute-Nacht-sagen“ selbständig in sein Bett und schläft dann dort.

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So wird es sicherlich noch weitere Kämpfe geben, die sich in dem Spannungsfeld „Ich brauche Struktur“ und „Ich will frei sein“ abspielen. Super, wenn unsere heranwachsenen autistischen Kinder dann eigene Strategien entwickeln – selbst wenn sie in unseren Augen  (rw) komisch sind. Alleine das eigenständige Aushandeln von Lösungen finde ich klasse – auch wenn es manchmal tierisch anstrengend ist 🙂 .

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Zum Weiterlesen:

Wir sind gerade in der Pubertät – und Ihr so?

Autismus und Misophonie

2 comments

  • Sandra

    Wir stecken auch grad mittendrin. Es ist so anstrengend mit diesem klugen, wortgewandten „Kind“ über Alltägliches diskutieren zu müssen und ständig in Frage gestellt zu werden. Das machen Eltern nicht- autistischer Kinder sicher auch durch. Problematisch ist ja nur dieser Drang zur Selbstüberschätzung. Sicher lassen wir viel zu, damit er wachsen und sich entwickeln kann aber es gibt einfach Dinge die er nicht abschätzen kann und Gefahren nicht sieht, weil er es eben nicht kann. Das finde ich am Schwierigsten.

  • Flora

    Liebe Silke, danke für deine Zeilen, ich erlebe uns gerade. Das Wissen darum, dass bei Strukturveränderung wieder mindestens ein Overload ansteht, fordert mein Sohn „Freiheit“. Ich geb sie ihm gern, aber es zerbricht mir fast das Herz, wenn er scheitert, wütend über sich ist, wie gelähmt handlungsunfähig ist.
    Ich werde auch versuchen kleine Schritte mit ihm zu gehen und gemeinsam mit ihm Kompromisse suchen.
    Danke für dein Input 🤗

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