Danas Geschichte – am Ende steht ein Neuanfang

Autismus prägt einen Menschen ganz individuell.
Das zeigt auch Danas Geschichte, die ihre Mutter Sandra mir erzählt (Namen geändert).
Dana ist atypische Autistin und konnte dank großer Unterstützung ihrer Mutter die Schule und eine Ausbildung abschließen. Dann klappt das Funktionieren nicht mehr. Und am Ende steht ein Neuanfang.

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„Der Autismus meiner Tochter zeigt sich in vielfältiger Form“, berichtet Sandra. „Sie verweigerte sich in der Gruppe zu essen, Sport zu treiben und Bus zu fahren. Sie hat keine Freundinnen und Familientreffen sind spannungsgeladen, obwohl sich ihre einzigen Bezugspersonen innerhalb der Familie befinden. Dana flüchtet sich in Traumwelten, wie zum Beispiel  Computerspiele. Außerdem gibt es immer wieder neue Themen, die sie interessieren. Sie sieht sehr schnell die Fehler bei anderen, möchte sich nicht anfassen lassen und vergisst gerne die Zeit, obwohl sie immer pünktlich und zuverlässig ist. Dana liebt Situationskomik, sie singt sehr gut und malt erstaunliche Bilder. Ihre Sträuße, die sie als Floristin bindet, sind ein Traum. Sie kocht und malt gerne. Und sie liebt Tiere.“

 

Sandras Tochter wurde 1988 geboren. Zunächst schien Dana sich normal zu entwickeln. Aber als sie nicht altersgerecht begann zu krabbeln, zu stehen und zu laufen, wurde die verzögerte Entwicklung nach und nach offensichtlich.
Als Dana mit vier Jahren in den Kindergarten kam, fühlte sie sich dort nicht besonders wohl. Mit ihrem Bruder hingegen lachte und spielte sie oder sie ärgerte ihn, indem sie es zum Beispiel liebte, seine Ordnung durcheinander zu bringen.

Mit sieben Jahren wurde Dana in einer kleinen Dorfschule eingeschult. Sie besuchte eine Jahrgangsstufe doppelt, aber insgesamt kam sie dank der engagierten Klassenlehrerin und guter Absprachen zwischen dieser und ihrer Mutter Sandra gut durch ihre Grundschulzeit.
In der Hauptschule stiegen dann die Anforderungen und so wurde es für alle Beteiligten anstrengender. „Dana wurde in jeder Hinsicht auf „funktionieren“ geschult“, erzählt Sandra.

So wie auch viele andere AutistInnen immer wieder erzählen, schien auch Dana sich angepasst zu haben und zu kompensieren, um den Anforderungen der Schule, die an sie herangetragen wurden, zu genügen. Oftmals fallen AutistInnen, die auf diese Weise funktionieren, nach außen nicht besonders auf, aber zuhause zeigt sich dann ein ganz anderes Bild. Sandra erzählt: „Es war zu erkennen, dass sie keine Beziehung zu ihrem Äußeren hatte. Sie zerstörte ihre Spielsachen und sie ging uns etwas unter in der Bewältigung unserer vielen familiären Baustellen.“

Als Dana 15 Jahre alt war, trennten sich die Eltern, Sie zog mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in eine kleine Stadt. Zwei Jahre später wurde bei ihr „atypischer Autismus“ diagnostiziert. „Durch einen Nachteilsausgleich wurde sie mündlich nicht mehr benotet und schloss die Hauptschule mit Erfolg ab“, erzählt Sandra.

Bei einem Anbieter, der Menschen mit Handicap dabei hilft, sich ins Berufsleben einzugliedern, bereitete Dana sich zwei Jahre lang auf eine Ausbildung zur Floristin vor. Ihre dreijährige Ausbildung inklusive Berufsschule schlossen sich an.
Zeitgleich forderten sie familiäre Verwicklungen und so „erlitt sie ihren ersten Zusammenbruch“, so Sandra.
Aktuell ist Dana krankgeschrieben, weil sie an ihrer Arbeitsstelle nicht mehr zurechtkommt. Eine für sie wichtige Bezugsperson, die ihr half, dem Arbeitsalltag Struktur zu geben, hatte die Arbeitsstelle gewechselt.

Die Situation spitzte sich dann soweit zu, dass Dana ihre Wohnung nicht mehr aufräumte und sich mit Selbstmordgedanken trug. Das ist jetzt schon einige Zeit her.

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„Dana will nicht mehr funktionieren und Unverständnis ernten, wenn sie bemüht ist, ihre Sichtweise zu erklären. Sie will im Moment keine Integrationshilfe oder andere Angebote. Sie will auch keine Gespräche mit dem Chef. Sie will sich wieder wahrnehmen, würde gerne einen Kochkurs machen, oder gezieltes Körpertraining“, berichtet Sandra. „Die Krise ist zwar erst einmal aufgefangen, aber die nächsten Schritte sind vollkommen unklar. Es hat sich herausgestellt, dass die Vernetzung breiter sein muss, um ihre Arbeit zu begleiten.“

Dana möchte sich noch einmal umorientieren. Das bedeutet für sie und ihre Mutter einen Kraftakt. „Es ist ein Managerposten, sie zu begleiten, auch wenn ich immer bestrebt bin, ihre Selbständigkeit zu fördern“, sagt Sandra.
Sie erzählt weiter, dass ihre Tochter „stressige oder Druck ausübende Menschen ablehnt“, bei Behördengängen und unangenehmen Verpflichtungen braucht sie daher meistens die Unterstützung ihrer Mutter und die meint: „Ich würde mir eine Stiftung für Autisten wünschen, die finanzielle Engpässe in dieser Hinsicht ausgleicht, um Begleitung organisieren und finanzieren zu können.“

Sandra glaubt fest daran, dass es einen Weg für ihre Tochter geben wird. „Mir persönlich fällt es aber schwer, auszuhalten und zu warten. Ich bin eine Macherin, ich will Lösungen und bin oft zu schnell damit!“

Hier geht es ihr wie vielen Eltern, die aufgrund der Herausforderungen im Leben mit ihren autistischen Kindern auch pragmatisch geworden sind. Sie haben gelernt, Situationen relativ schnell zu analysieren und Lösungen anzustreben. Manchmal ist es dann schwer auszuhalten, dass man dabei auch von weiteren Menschen abhängig ist oder dass die Umstände mit einem autistischen Kind einfach von Grund auf ein anderes Tempo vorgeben. Und manchmal muss man nochmal von vorne anfangen oder an einem ganz neuen Punkt ansetzen, obwohl man glaubte, bereits auf einem guten Weg zu sein.

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6 comments

  • Iris Day

    Oh mein Gott. Das ist die Beschreibung meines 17-jährigen Sohnes.

  • Renate Grottke-Kock

    Ja so ähnlich verlief es bei meinem Sohn auch. Mittlerweile ist er 24 Jahre jung und immer wenn er erfolgreich integriert war, brach er alles ab, Krise folgte und dann mussten wieder ganz neue Lösungen her. Meine Kraftreserven sind mittlerweile aufgebraucht und ich frage mich, wie wird es ihm dann eegehen, wenn ich nicht mehr bin?

    • Daniela

      Ich muss gerade weinen, denn diese Frage stelle ich mir auch so oft. Auch mein Sohn ist 24. Er hat seinen Schulabschluss über Umwege geschafft, seine Ausbildung mit viel Unterstützung und Geduld seines Ausbilders. Jetzt arbeitet er, ist zuverlässig, gewissenhaft und freundlich. Doch immer wenn ich glaube es scheint für ihn gut zu laufen, zieht er sich komplett zurück und schmeißt alles hin…. das kostet ganz schön viel Kraft. …uns beiden.

  • Renate

    wie bei uns

  • Britta

    Auch bei meinem Sohn sind bei der Geschichte Übeteinstimmungen vorhanden u ich bemerke ich bin nicht alleine. Bin auch alleinerziehend und hab so meine ständigen Zukunftsängste .

  • Conny

    Das ist unser Leben, genau so. Das ist wie bei meinem Sohn. Er ist 14 Jahre alt. Heute ist alles gut und morgen fängt alles wieder von Anfang an. Immer wenn ich denke jetzt wird es klappen, dann zeigt mir der nächste Tag das alles anders ist. Danke für die schönen Worte.

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