Begutachtung nach den neuen Pflegegraden – erste Erfahrungsberichte

Im Oktober vergangenen Jahres hatte ich den Beitrag „Autismus und die neuen Pflegegrade – was verändert sich?“ veröffentlicht. Seitdem ist ein bisschen Zeit vergangen und einige LeserInnen schickten mir Erfahrungsberichte zum neuen Verfahren.

(alle Namen geändert)

 

Birgits Sohn Thomas wurde mit drei Jahren begutachtet.
Sie erzählt: „Das Ganze lief recht locker ab. Es wurden Punkte gezählt und keine Minuten mehr, nach minutiösen Angaben wurde auch gar nicht gefragt.
Die nächtliche Unruhe, Weglauftendenz, Aggressionen und besondere Anforderungen an die Tagesabläufe wurden berücksichtigt. Das besondere Gefahrenpotential spielte hingegen keine Rolle, wohl auch, weil mein Sohn erst drei Jahre alt ist und sowieso noch Aufsicht braucht.
Uns wurde geraten, eine erneute Begutachtung zu beantragen, wenn Thomas vier Jahre alt ist, weil dann mehr Punkte in den einzelnen Bereichen zu erwarten sind.“

***

Inges Tochter ist sieben Jahre alt und Asperger-Autistin.
Sie erzählt: „Meine Tochter bekam Pflegegrad 3, zu Pflegegrad 4 haben nur wenige Punkte gefehlt. Im Allgemeinen wurde viel Wert auf Selbständigkeit gelegt.
Meine Tochter ist sieben Jahre alt und braucht sehr viel Hilfe im Alltag. Sie geht mit Schulbegleitung zur Schule, hat wenig bis keine Gefahreneinschätzung, braucht nachts jemanden neben sich und ist sehr lange wach, schläft wenig.
Das fließt sehr stark in die Begutachtung nach dem neuen System ein.

Sie kann sich nicht alleine waschen, kämmen, anziehen und braucht nach der Toilette noch Hilfe. Auch die vielen Overloads fließen mit ein.
Die Frau vom MDK hat meine Tochter gefragt, ob sie ihren Schrank zeigt und etwas Blaues rausholen kann. Meine Tochter konnte diese einfache Aufforderung schon nicht erfüllen. Ich musste bei den Schuhen helfen, ihr erklären, dass sie eine neue Brotdose hat und ihr zeigen, was drinnen ist, damit sie in der Schule keinen Overload wegen neuen Sachen bekommt.
Das hat die Gutachterin alles notiert. 

Die Benachrichtigung über den Pflegegrad kam dann schon fünf Tage nach dem Termin. Uns hilft das Geld im Alltag sehr, ich kann nur stundenweise arbeiten und muss sie jederzeit abholen können bei Overloads.“

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Ankes Sohn Henri ist zehn Jahre alt und atypischer Autist.
Kurz nach Beantragung erfolgte die Begutachtung: Henri hat Pflegegrad 2.

Anke erzählt: „Die Gutachterin wollte zunächst alles von Geburt an wissen. Seine Entwicklung, Fähigkeiten usw. Auch wie er sich schulisch entwickelt hat.
Zu dem Zweck war auch Henris Schulassistenz bei dem Gespräch dabei.

Es ging auch um hygienische Aspekte, darum ob er Anleitungen braucht, und andere Dinge, die zuhause für andere ganz normal sind bzw. ablaufen. Das hat eigentlich den größten Teil des Gespräches ausgemacht.

Ich hatte zuerst den Eindruck, mein Henri würde gar keinen Pflegegrad bekommen, weil die Vertreterin des MDK auf mich bzw. uns nicht den besten Eindruck gemacht hatte. Erst als ich das Gutachten bekommen habe, war ich sehr zufrieden.“

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Sandras Sohn Tim bekam mit sechs Jahren die Diagnose hochfunktionaler Autismus.
Sie erzählt: „Im SPZ wurden mir u.a. geraten, einen Antrag auf Pflegeleistung zu beantragen. Die Begutachtung verlief erschreckend, obwohl der Begutachter ein selbsternannter Autismusexperte war.
Mein Sohn war sehr verwirrt, weil er Dinge tun sollte, die er sonst nicht um die Uhrzeit macht. Ich berührte ihn deshalb, um ihm das Gefühl des Schutzes zu geben.
Mein Verhalten wurde dann mit inkonsequent oder unfähig bezeichnet.

Mein Kind erhielt die Pflegestufe 0, mit dem Vermerk , nach der Grundschulzeit nochmals eine Begutachtung anzusetzen.
Diese haben wir nicht wahrgenommen, weil der MDK-Besuch so niederschmetternd verlaufen war .
Im Dezember 2016 erhielten wir dann einen formalen Brief, dass unser Sohn automatisch in den richtigen Pflegegrad eingestuft werden würde. Tatsächlich mussten wir erst einige Telefonate führen und Anträge stellen.
Der Pflegegrad zwei wurde zugesprochen, aber eine neue Begutachtung fand nach drei Wochen statt.
Diese verlief diesmal wirklich gut, da nun auch Dinge angerechnet wurden, die vor der Pflegereform nur unser „Hobby “ waren.
Die Begutachterin war sehr einfühlsam und konnte aus dem Gespräch viele Dinge entnehmen.
Nachdem der Fragenkatalog durchgearbeitet war, gab es direkt das Ergebnis.

Durch die Pflegereform wird der Begriff “ Pflege“ neu definiert.
Ich kann nur raten, einen Antrag auf Pflegeleistung zu stellen, zu verlieren hat man nichts.“

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Mariannes Tochter Tanja ist 12 Jahre alt. Seit Februar 2017 hat sie die Diagnose Asperger-Syndrom und Congenitale Myasthenie.
Sie erzählt: „Wir haben bei unserer Krankenkasse (Pflegekasse) einen Antrag auf Pflegegrad gestellt. Während wir auf einen Termin warteten, nahmen wir eine Pflegeberatung in Anspruch. Diese wurde uns von unserem Sanitätshaus empfohlen. Ich habe auch einen Pflegegrad und daher wussten wir schon, dass so eine Pflegeberatung eine sehr gute Vorbereitung auf eine MDK-Begutachtung ist. Natürlich lohnt sich auch so eine Beratung, um erst mal herauszufinden, hat man überhaupt eine Chance auf einen Pflegegrad mit den Beschwerden, Krankheiten etc. hat.
Jedenfalls brachte die Beraterin auch gleich eine Sozialpädagogin mit (in Absprache mit uns), um eine Fachfrau gleich mit am Start zu haben. Wir haben Tanja dann auch auf den Termin vorbereitet und dass jemand mitkommt, der auch ein paar Fragen an sie hat.

Der Beratungstermin verlief sehr entspannt (ohne Tanja). Tanja konnte auch gut mitmachen, wobei sie aber nur knapp 8 Minuten mit der Sozialpädagogin verbrachte (allein mit ihr in ihrem Zimmer). Danach arbeiteten wir (die zwei Damen und ich) die Module zur Probe durch. Am Ende kam dann der Pflegegrad 3 raus.
Natürlich weiß ich nicht, ob jede Pflegeberatung mal so eben eine Sozialpädagogin an der Hand hat, jedoch hatten wir dahingehend Glück. Man bekommt auch nach jeder Pflegeberatung ein Protokoll ausgehändigt, welches wir dann auch in Kopie dem MDK überreichen durften.

Dann kam der Termin des MDK. Tanja konnten wir auch darauf gut vorbereiten, denn wir konnten ihr sagen, dass sie genau so ein kurzes Gespräch mit der Dame vom MDK führen wird wie bei der Pflegeberatung und wir aufpassen, dass das Gespräch nicht zu lange ist. Das war okay für sie. Jedoch am Tag des Termins bemerkten wir eine starke Anspannung bei unserer Tochter, aber sie zog es durch. Als die Dame bei uns ankam, übergaben wir ihr auch gleich alle Arztberichte (unsere Tochter leidet auch noch unter einer angeborenen Muskelschwäche), das Pflegeberatungsprotokoll und Informationen zu den Erkrankungen unserer Tochter (Asperger bei Mädchen und Congenitale Myasthenie). Wir fragten vorher nach, ob sie diese Erläuterungen möchte, und sie nahm diese dankbar an. Man will ja niemanden auf die Füße treten.
Danach ging sie zu Tanja ins Zimmer und unterhielt sich 5 Min. mit ihr. Die Zeitbegrenzung teilten wir der Dame mit und sie akzeptierte diese auch. Wir begründeten das damit, dass Tanja Gespräche dieser Art nicht länger schafft.
Anschließend kam die Dame wieder zu uns und stellte uns gefühlte tausend Fragen (sie ging im Grunde dann die Module durch). Insgesamt war die gute Frau eine Stunde bei uns.

ach einer Woche hatten wir dann schon die Bewilligung des Pflegegrades 3. Also kurzum: Vorbereitung ist alles!
Pflegeberatungen werden überall angeboten. Einfach bei Google eingeben…Pflegeberatung und der nächstgrößere Ort und schon bekommt man Adressen. Es wird von Krankenkassen angeboten oder von Pflegediensten.“

Auszug aus Tanjas Gutachten

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Zum Weiterlesen:

Autismus und die neuen Pflegegrade – was verändert sich?

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3 comments

  • Julia

    Huhu,habe mir eure Beiträge mal durchgelesen,da ich das Thema auch hinter mir habe.Ich habe mit dem MDK leider keine guten Erfahrungen gemacht. Die Begutachterin die zu uns kam war völlig unsympathisch,hat einem noch nicht mal die Hand zur Begrüßung gegeben.Sie hat von meinem Sohn dinge verlangt..auf einem Bein hüpfen,zeigen wie er Zähne putzt (er nimmt wenn er einen guten Tag hat die Zahnbürste wohl in den Mund,aber kaut 2 mal drauf rum und fertig.Mund ausspülen macht er nicht weil er das Gefühl nicht haben kann..)desweiteren hat sie seine Notfall Medikamente (Epilepsie)begutachtet,die ich mit meinen Berichten und Pflegeplan und allen wichtigen Sachen bereits auf dem Tisch liegen hatte,um Fest zu stellen das das Medikament ja im Kühlschrank liegen muß um immer gekühlt zu sein.Um die anderen Berichte machte sie einen weiten Bogen,hat sie nicht interessiert. Das ganze dauerte etwa 45 Minuten,dann verabschiedete sie sich flott und ließ trotz bitte den Pflegebericht einfach liegen.Den hab ich ihr dann einfach hinterher gebracht,bin extra ins Büro gefahren weil ich es einfach wichtig fand das es mitbewertet wird.Wie will sie sich sonst einen vernünftigen Eindruck machen.Die Mitarbeiter dort waren ebenfalls sehr frech.Hab dann Beschwerde eingelegt,so unmenschliches Verhalten geht gar nicht. Dann haben wir Bescheid bekommen das er Pflegestufe 0 bekam.Das ganze war vor ca 4 Jahren.Jetzt ist er durch die Änderung automatisch in Pflegegrad 2 gerutscht.Und das ist gut so.
    Die Mitarbeiter des MDK hier sind im Laufe der Jahre leider nicht besser geworden. Habe von ganz vielen Menschen erfahren wie herabwürdigend sie behandelt wurden.Auch durch meine jetzige Situation,beide Eltetnteile erkrankt konnte ich leider meine Erfahrungen nur wieder bestätigen.Das ist ein sehr schwerer Kampf einen Pflegegrad zu bekommen. Leider.Aber umso interessanter finde ich hier zu lesen das es auch positiv verlaufen kann.Freut mich.LG,Julia

  • Dora L

    Hallo, danke für diesen Bericht;
    leider lief es bei uns nicht so Bilderbuchhaft ab, gerade wurde unser 5 Jähriger Aspie begutachtet,
    das Computerprogramm des Gutachters ging nicht, also wurde es nicht ausgefüllt und er meinte, er trägt das nach…..
    Dann zog sich unser Sohn sofort spielend in sein Zimmer zurück, wo er die ganze Zeit verblieb, während der gesamten Begutachtung durfte ich mir Dinge anhören wie „das kann ich jetzt nicht bestätigen, er ist ja total verträglich, was haben sie nur, andere 5 Jährige tun dies oder jenes doch auch….“ ich bin mal gespannt, aber ich selbst finde es angenehmer Zeiten zu notieren, die ich täglich für die Gesamtpflege benötige als auf das Wohlwollen eines Punktevergebers angewiesen zu sein

  • Angela Middlecamp-Sommer

    Vielen Dank,
    so stell ich mir eine Begutachtung vor. Rücksichtsvoll und mit Respekt.
    Die Pflegeberatung ist kostenpflichtig ?

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