Redewendungen – alles klar, oder doch nicht?

Immer wieder hört man, dass einige Autisten Schwierigkeiten damit haben, Redewendungen zu verstehen.
Aber verstehen nicht-autistische Menschen eigentlich immer, was gemeint ist, woher die Redewendungen kommen und warum sie verwendet werden? Oftmals sagt man etwas, weil „man“ es eben so sagt. Aber warum sind gewisse Floskeln in unserem Sprachgebrauch verankert?

Mit diesem Beitrag startet eine Serie zum Thema „Redewendungen“. Regelmäßig wird eine Redewendung vorgestellt und erklärt, woher sie eigentlich kommt. Das ist hoffentlich interessant und spannend zugleich und erleichtert womöglich, autistischen Kindern und Erwachsenen zu erklären, warum die jeweilige Floskel verwendet wird. So wird dieser Beitrag nach und nach ergänzt und ist irgendwann wie ein kleines Lexikon für euch.

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  • mit allen Wassern gewaschen

    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass jemand sehr mutig und clever oder auch durchtrieben ist. Manchmal benutzt man diese Redewendung auch, um auszudrücken, dass sie jemand aus einer scheinbar ausweglosen Situation mit einem Trick retten konnte.

    Der Ausspruch kommt vermutlich aus der Seemannssprache: einen Matrosen, der schon über die Weltmeere gesegelt ist – also über „alle Wasser“ – , kann so schnell nichts mehr erschrecken, weil er bereits viel erlebt und gefährliche Abenteuer überstanden hat.

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  • alle Register ziehen

    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man alles tut und nichts unversucht lässt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

    Die Redewendung kommt aus dem Musikbereich und bezieht sich auf die Register eine Orgel. Bei einer Orgel  können verschiedene Register aktiviert werden, die aus einer Reihe ähnlich klingender Pfeifen zusammengesetzt sind. Je mehr Register gezogen werden, desto voluminöser wird der Klang und desto beeindruckender das Spiel des Organisten.
    Alle Register ziehen bedeutet demnach, besonders eindrucksvoll auftreten und wirken, um damit sein Ziel zu erreichen.

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  • ach du grüne Neune

    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Der Ausspruch bedeutet in etwa das gleiche wie „Ach du meine Güte“ und drückt eine Mischung aus Erschrecken und Überraschung aus.

    Die Herkunft ist umstritten. Einige meinen, dass der Spruch auf ein verruchtes Berliner Tanzlokal aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Dessen Haupteingang lag im „Grünen Weg“, die Adresse lautete aber „Blumenstraße 9“ – als Kombination entstand dann „Grüne Neune“.

    Andere denken, dass der Ursprung der Redewendung noch weiter zurückliegt und sich auf das Kartenlesen auf Jahrmärkten bezieht. Wenn man eine „Pik 9“ erhielt, die in den Deutschen Spielkarten „Grün Neun“ heißt, bedeutete das eine schlechte Vorhersage für die Zukunft.

    Eine weitere Variante besagt, dass die Redensart auf einen schlesischen Ausdruck zurückgeht. Dort bezeichnete man einen Menschen mit Buckel als eine „krumme Neun“.

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  • mit Kind und Kegel

    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man zu einem bestimmten Ereignis alle Familienmitglieder mitnimmt.

    Der Begriff „Kegel“ wurde früher geringschätzig für uneheliche Kinder verwendet. Da diese Kinder weniger Rechte hatten als eheliche, gab es einen gesonderten Begriff, eben „Kegel“. Für Kegel hatte das Folgen in Hinblick auf die Erbschaft von den Eltern und manche durften aufgrund ihres Status auch bestimmte Berufe nicht ausüben.
    Wenn jemand mit „Kind und Kegel“ reiste, nahm er also wirklich seine gesamte Verwandtschaft mit, ganz unabhängig vom gesellschaftlichen Stand und der Enge der Bindung.

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  • etwas auf dem Kasten haben

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass jemand besonders viel weiß oder besondere Fähigkeiten hat.

    Im Mittelalter war man der Überzeugung, dass Kopf und Brustkasten leere Hüllen sind, die erst noch gefüllt werden müssen. Wenn man sein Hirn richtig gut angereichert hatte, war man ein kluger Mensch.

    Eine andere Erklärungsvariante geht auf die Schulranzen aus vergangenen Zeiten zurück. Diese waren aus Holz gefertigt. Auf einer Seite war eine Tafel angebracht, die dann im Laufe des Schultages beschrieben wurde. Wenn man seinen „Schul-Kasten“ reichlich beschriftet hatte, war man deutlich klüger geworden – man hatte ja etwas „auf den Kasten“ geschrieben.

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  • ins Gras beißen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass jemand unfreiwillig stirbt.

    Die Formulierung findet man schon beim griechischen Dichter Homer und auch in der Bibel. Hintergrund ist, dass bei Schlachten oft Verwundete zurückgelassen wurden, die dann auf dem Schlachtfeld einen einsamen und qualvollen Tod starben. Sie lagen auf dem Boden und bissen quasi ins Gras, so wie wir heute auch möglicherweise auf etwas beißen, um einen Schmerz besser zu ertragen oder sagen, dass wir „die Zähne zusammenbeißen“.
    Übrigens beobachtete man dieses „ins Gras beißen“ auch bei sterbenden oder verwundeten Tieren.

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  • unter dem Pantoffel stehen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass derjenige, der unter dem Pantoffel steht, immer nur das tut, was die Pantoffelträgerin möchte.

    Herkunft: Das Wort Pantoffel kommt aus dem Französischen („pantoufle“ = „Hausschuh“) und wurde mit seiner Aussprache quasi eingedeutscht.
    Im 19. Jahrhundert trugen Hausfrauen meistens diese bequemen Pantoffeln, weil sie die meiste Zeit zuhause verbrachten. Wenn sich der Mann in der Familie den Wünschen seiner Frau unterordnete, sagte man damals, dass er „unter ihrem Pantoffel steht“ oder ein „Pantoffelheld“ sei.
    Außerdem gibt es einen alten Hochzeitsbrauch, nach dem sich das Hochzeitspaar versuchen musste, sich gegenseitig auf den Pantoffel zu treten. Derjenige, der mit seinem Pantoffel schließlich oben landete, würde dem Brauch nach derjenige sein, der in der Ehe das Sagen hat.

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  • Jemandem etwas aus der Nase ziehen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man jemandem bei einem Gespräch mühsam jedes einzelne Wort entlocken muss.

    Herkunft: Im Mittelalter glaubten viele daran, dass viele Krankheiten mit wurmförmigen Dämonen, die im Kopf sitzen, zu tun haben. Einige Kurpfuscher und Quacksalber zelebrierten in der Öffentlichkeit anstrengende Behandlungen, bei denen Kranken mit Tricks scheinbar Würmer oder auch Krebse und anderes Getier aus der Nase gezogen wurden. Das war für die Kurpfuscher eine lukrative Angelegenheit.
    „Jemandem etwas aus der Nase ziehen“ drückt also aus, dass es anstrengend ist, den anderen zum Sprechen, also die Worte zum Vorschein zu bringen.

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  • mit Jemandem durch dick und dünn gehen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man sehr gut befreundet ist und sich auf den anderen in jeder Situation verlassen kann.

    Herkunft: Das Wort „dick“ wurde in seiner altgermanischen Form „dic[ke]“ auch als Bedeutung für „dicht“ verwendet.
    Früher war es gefährlich, durch unwegsames Gelände zu gehen, das wenig Schutz bot. So bevorzugte man Strecken, die übersichtlich und nicht bewaldet waren. Denn hinter dichten Sträuchern konnten sich Wegelagerer versteckt halten. Wenn jemand einen Freund auch im „dichten“ Wald begleitete, dann war er ein echter Freund, weil er sich mit seiner Begleitung auch einer gewissen Gefahr aussetzte. Daraus entstand das heutige: Ich gehe mit Dir durch dick und dünn.

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  • Eulen nach Athen tragen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man im Begriff ist, etwas Überflüssiges zu tun.

    Herkunft:. Das antike Athen stand unter dem Schutz der Göttin „Pallas Athene“. Sie war die Göttin der Weisheit, der Kunst und des Handwerks. Ihr wichtigstes Symbol war die Eule, die wegen ihrer großen Augen als besonders klug galt. Deshalb gab es damals in Athen viele Eulen. Auch die Goldmünzen im alten Athen waren mit einer Eule geprägt und da Athen eine sehr reiche Stadt war, gab es auch von den Münzen mehr als genug.
    So war es unnötig, eine Eule in Form eines Tieres, eines Kunstwerkes oder in Form von Münzen nach Athen zu bringen, weil es sie sowieso in jeglicher Gestalt reichlich gab.
    Ähnliche Redewendungen waren in Griechenland „Fische nach Hellespont bringen“ oder „Krokodile nach Ägypten bringen“. In moderneren Fassungen sagt man z.B. „Wasser in die Pegnitz schütten“ oder „Bier nach München tragen“.

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  • im Dreieck springen

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass jemand aufgeregt ist und seine Wut kaum mehr unterdrücken kann.Aber warum springt man eigentlich im Dreieck und nicht im Kreis?
    Herkunft: Es gab früher in Berlin ein Gefängnis, in dem die Häftlinge voneinander strikt isoliert wurden. Sie konnten nicht in die Zellen der anderen und auch nicht den Wärter sehen. Auch die Hofgänge durften sie nur streng isoliert absolvieren. Das Fleckchen Erde, auf dem sie spazieren gehen durften, war ca. 10 Quadratmeter groß, von einer hohen Mauer umgeben und dreieckig wie ein Kuchenstück geformt. Alle Stückchen nebeneinander ergaben einen Kreis. Viele Häftlinge ertrugen diese Bedingungen nur schwer und fingen zum Teil an, auf ihrem „Sparzierstückchen“ auszuflippen und herumzuspringen.

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  • Sich etwas hinter die Ohren schreiben
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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass man etwas nicht vergessen und sich immer daran erinnern soll.

    Herkunft: Im Mittelalter nahmen Eltern ihre Kinder zu wichtigen Ereignissen mit, damit diese bestimmte vertragliche Vorgänge viele Jahre später noch bezeugen können. Dabei konnte es zum Beispiel um die Übertragung oder den Verkauf von Grundstücken gehen.
    Da viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, musste man anderweitig sichergehen, dass sich gemerkt wurde, was wichtig war. Um das Erinnerungsvermögen der Kinder nachhaltig zu „unterstützen“, gab man ihnen an wichtigen und markanten Stellen eine Ohrfeige. Sie sollten sich das, was in dem jeweiligen Moment passierte oder gesagt wurde, besonders gut merken. Es wurde ihnen quasi „hinter die Ohren geklatscht“.

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  • Jemandem stehen die Haare zu Berge

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    ©Ute Haller, www.farbkunstwerke.de

    Gemeint ist, dass jemand extrem erschrocken und entsetzt ist.

    Herkunft: Bei Menschen und Tieren zieht sich automatisch die Haut zusammen, wenn Gefahr droht. Das geschieht, damit es im Falle einer Verletzung nicht so stark blutet. Durch das Zusammenziehen der Haut stellen sich die Haare auf (ähnlich wie bei einer sog. Gänsehaut). Bei Tieren, die stärker behaart sind als Menschen, vergrößert sich damit außerdem das Körpervolumen – sie erscheinen größer und können somit einem möglichen Gegner evtl. Angst einjagen und ihn in die Flucht schlagen (bei der erwähnten Gänsehaut dient das Volumen dem Versuch, Wärme zu speichern).

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