veränderte Wahrnehmung führt zu ungewohntem Verhalten

Jedes Verhalten hat einen Grund, auch wenn wir ihn nicht (sofort) erkennen.
Meist liegt er in der Wahrnehmung oder in gescheiterter Kommunikation begründet.

Unruhe, Rückzug, Ohren zuhalten, Stereotypien, …

Beim Overload (= Überladung, Reizüberflutung) stauen sich viele Reize an – das vorbeifahrende Auto, die summende Biene, das Gespräch nebenan, das Radio – alles kumuliert sich so lange bis es wie ein lautes undurchdringliches, ungefiltertes Getöse auf Autisten einwirkt. Es können auch Gefühle sein, die sich anstauen, oder zu viele zu schnell nacheinander gestellte Fragen. Viele reagieren darauf mit Unruhe, Rückzug oder Ohren zuhalten.
Manche Autisten haben gelernt, sich selbst zu stimulieren, um sich vor dem Overload zu schützen bzw. aus diesem wieder herauszukommen: z.B. durch monotones Singen, das Aufsagen von Reimen, Hin- und Herschaukeln, Drehen von Gegenständen usw. Manchmal kann es helfen diese Stimulation von außen zu unterstützen, indem man Hände, Beine oder Arme massiert, oder z.B. einen warmen Waschlappen auf die Stirn legt. Es ist aber individuell sehr unterschiedlich, ob das Kind dies in dem Moment zulassen möchte und kann, daher bitte vorsichtig ausprobieren.

Aggressionen, Kopf schlagen, Schreien, Gegenstände werfen, Beißen, Schlagen, …

Die Folge eines Overloads ohne Rückzugsmöglichkeit kann der sog. Meltdown (= „Kernschmelze“, Wutausbruch) sein. Die Betroffenen schreien laut, werfen Gegenstände und haben keine Kontrolle mehr über ihr Verhalten. Manche verletzen sich selbst, schlagen mit dem Kopf an die Wand oder beißen sich, um alle anderen Reize, die sie nicht beeinflussen können, zu überdecken. Allerdings kann das Schmerzempfinden herabgesetzt sein, so dass Verletzungen in dem Moment nicht bemerkt werden. Es ist ein Akt der Verzweiflung, weil alles entgleitet.
Die meisten Autisten wollen in dieser Situation nicht angefasst werden, es wäre nur ein weiterer Reiz. Man sollte auch nicht anfangen, auf sie einzureden, denn auch das ist ein weiterer Reiz. Gut und wichtig ist es, in der Nähe zu sein, darauf zu achten, dass sich niemand verletzt und abzuwarten. In ganz extremen Fällen kann evtl. ein Beruhigungsmittel gegeben werden, dies aber bitte unbedingt vorab mit einem Arzt besprechen, da einige Medikamente bei Autismus kontraindiziert sind.

Schaukeln, nicht ansprechbar, (in Decke) einrollen, …

Wenn kein Rückzug, keine Selbststimulation, kein Entrinnen aus dem Overload möglich ist, kann sich dieser auch zu einem Shutdown (=Abschalten) entwickeln. Manche Autisten liegen dann eingerollt in einer Ecke, ziehen eine Decke über den Kopf oder schaukeln mit dem Körper hin und her. Sie sind dann meist eine Zeit lang nicht mehr ansprechbar. Manchmal geht dem Shutdown auch ein Meltdown voraus.
Es ist gut, dann einfach da zu sein, sich ruhig zu verhalten und dafür zu sorgen, dass nicht weitere Reize eindringen. Das Bedürfnis nach Nähe oder auch Distanz kann in dieser Situation sehr unterschiedlich beim Autisten sein und muss unbedingt respektiert werden.

Stereotypien…

können beruhigen und helfen Reize zu kontrollieren. Sie geben Sicherheit und sollten nicht kategorisch unterbunden werden. Es ist aber gut, Alternativen anzubieten, damit keine Zwänge entstehen.

Ausbildung von Spezialinteressen…

erzeugt Sicherheit und Kontrolle. Spezialthemen erlauben das Interesse vieler Autisten für Details auszuleben, sich daran zu erfreuen und zu perfektionieren. Es empfiehlt sich, immer wieder auch Alternativen anzubieten.

unkontrolliertes, unangemessenes Lachen…

Geschieht aus einem spontanen Impuls heraus oder aus Unsicherheit, ist nicht mit einem echten Lachen zu verwechseln. Vielleicht kennt das manch einer selbst, dass ein unkontrolliertes Lachen auf den Lippen liegt, wenn etwas Schlimmes erzählt wird (aus Unsicherheit, Unglauben, …).

kaum oder wenig Blickkontakt

Für Autisten ist es sehr anstrengend Blickkontakt zu halten. Ein Gesicht verändert sich ständig und ist unberechenbar. Dies bewirkt wiederum schnell eine Reizüberflutung, da eine Veränderung der nächsten folgt, ohne dass die erste bereits verarbeitet wurde. Viele Autisten schauen ihrem Gegenüber daher auf die Stirn oder an ihnen vorbei. Dies ist kein Ausdruck von Desinteresse. Im Gegenteil: der Autist kann sich dadurch besser konzentrieren, da er ein „zu viel“ an Reizen ausfiltert.

wenig aktive Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten
wirken manchmal wie taub,
Angst und Unruhe bei Veränderungen,
Vermeiden von Körperkontakt

Diese Verhaltensweisen liegen meist in der Wahrnehmung begründet. Eine örtliche Veränderung erzeugt Unsicherheit, die Situation droht zu entgleiten, neue Reize kommen hinzu, es herrscht Unsicherheit, welche Reize noch zu befürchten sind, das Gemenge an Reizen mischt sich neu und führt zu Desorientierung.
Das Zusammensein mit anderen, noch dazu Fremden, bedeutet eine große Herausforderung, weil viele Stimmen, Gerüche, Erwartungen, Gespräche und Fragen gefiltert werden müssen. Manchmal hilft dann nur ein Schutz, in dem man alles abschaltet und dann wie taub wirkt.

nicht unmittelbar erklärbare Emotionen

Manche für uns unerklärbare Reaktion liegt evtl. in einem Geräusch begründet, das wir selbst nicht gehört haben, weil Autisten auch andere Frequenzen hören, oder in einem Lichtreiz, den wir nicht wahrgenommen haben, oder in einer angestauten Reizüberflutung. Meist hilft es, den Raum oder den Ort zu wechseln, um dem störenden Reiz zu entkommen.

nicht funktionales und kreatives Beschäftigen mit Spielmaterial, sondern klopfen, lecken, drehen…

Diese für uns scheinbar sinnlose Beschäftigung bedeutet für Autisten einen Zugang zum Material über den Bereich der Wahrnehmung. Dieses Verhalten hat seine Berechtigung und sollte nicht abtrainiert werden, wenngleich auch ein funktionales Beschäftigen mit Materialien für einen Mehrwert an Interaktion und Selbstständigkeit wünschenswert ist. Tipp: Beschäftigt Euch mal auf dieselbe Weise mit Material und kommt Eurem Kind so ein Stück in seiner Art wahrzunehmen näher. Das kann sehr bereichernd, lustig und verbindend sein.

mangelndes Gefahrenbewusstsein, Ungeschicklichkeit

Auch dieses liegt in der anderen Wahrnehmung begründet. Hoch und tief, heiß und kalt, schnell und langsam,… werden anders empfunden und gefiltert. Auch die Geschwindigkeit bzw. die Reaktion auf Reize tritt bei Autisten evtl. verzögert auf und verhindert damit einen Gefahr abwendenden Impuls.

keine Verbalsprache

Viele Autisten sprechen nicht. Das heißt aber nicht, dass sie nichts zu sagen haben und es nicht wollen. Mit Hilfe der Unterstützten Kommunikation lassen sich andere Wege gehen. Hier sollte den Kindern Verschiedenes angeboten werden, so dass die Freude an Kommunikation im Allgemeinen geweckt wird und das Kind die Möglichkeit hat, sich eine Form der Verständigung zu wählen. Es gibt z.B. die Gebärdensprache und die Kommunikation über Schreibtafeln, Computer oder Bildkarten.

Missverständnisse im Bereich der Kommunikation…

resultieren manchmal aus dem wörtlichen Sprachverständnis von Autisten. Redewendungen und ironische Ausdrücke werden nicht verstanden, wenn sie als solche nicht erklärt werden. (z.B. „Hast du noch alle Tassen im Schrank“, „Ich fresse einen Bären“, „Hast du einen Vogel“, „Tomaten auf den Augen“….) Die Sprache der Mitmenschen sollte sich hier entsprechend anpassen und eindeutig sein.

Missverständnisse aufgrund fehlinterpretierter Körpersprache und Mimik

Mimik ist für Autisten nicht automatisch lesbar. Autisten können aber die Stimmungen ihrer Mitmenschen verstehen, wenn man sie erklärt. Auch die Gestik von Anderen kann von Autisten nicht automatisch interpretiert werden. Im Miteinander ist eindeutiges Sprechen und Handeln notwendig, um Missverständnissen vorzubeugen.

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