Autismus, ICD-10 und der neue DSM-V

Manch einer kennt sich bestimmt schon gut aus mit ICD-10 und DSM-V, für andere sind diese Kürzel eher nichtssagend. Da wir im Zuge von Diagnosestellung und Beantragung von Therapien und der damit zusammenhängenden Argumentation immer wieder damit konfrontiert werden, habe ich mal versucht, etwas Ordnung in den Buchstabensalat zu bringen. Wer sich ohnehin schon gut auskennt, mag diesen Artikel bitte einfach überspringen 🙂

Als weltweit wichtigste Grundlage für die Diagnostik innerhalb der Medizin steht die Klassifikation ICD zur Verfügung. ICD ist aus dem Englischen übersetzt die Abkürzung für „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“.  Die  ICD-10 entspricht der momentan gültigen Version von 2012. In Deutschland sind Ärzte verpflichtet, Diagnosen nach der aktuell deutschen Version ICD-10-GM zu verschlüsseln. Der Katalog ist ein systemisches Verzeichnis und  in verschiedene Kapitel unterteilt, deren Diagnosen jeweils mit einem bestimmten Buchstaben beginnen. Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum beginnen mit dem Buchstaben „F“. Nach dem Buchstaben schließen sich Ziffern an, die die Diagnose weiter spezifizieren. Unter „F84.x“ finden sich zum Beispiel der frühkindliche und atypische Autismus, das Asperger-Syndrom und das Rett-Syndrom.

InfoFür die Diagnose einer psychischen Störung, bzw. von Verhaltensauffälligkeiten gibt es außerdem den amerikanischen Katalog DSM „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“, auf Deutsch „Diagnostisches und Statistisches Handbuch psychischer Störungen“. Im Gegensatz zum international gültigen ICD-10 ist der DSM ein nationales Klassifikationssystem der USA und beinhaltet genauere diagnostische Kriterien, ohne interkulturelle Perspektiven zu berücksichtigen. Dafür beinhaltet der Katalog jedoch Differenzierungen hinsichtlich Geschlecht und ethnischer Herkunft.

Seit Mai 2013 gibt es den aktuell gültigen DSM-V, der jedoch noch nicht in Deutsch vorliegt. Neue Diagnosen kamen dazu, andere wurden gestrichen, für ADHS-Diagnosen gelten jetzt zum Beispiel strengere Kriterien. Als Diagnosekriterien für alle Formen des Autismus wurden „Störung der sozialen Interaktion und Kommunikation“, „stereotype und repetitive Verhaltensweisen“ und „Beginn in der frühen Kindheit“ definiert. Diese werden bei jedem Betroffenen in verschiedene Schweregrade eingestuft. Diese Einstufung in „mild“, „mittel“ oder „schwer“ ist neu im DSM-V und dient  z.B. dafür  Verlaufe besser dokumentieren und mit Kurzzeittherapien schneller reagieren zu können.

Kritiker führen unter anderem an, dass sich der DSM-V zu sehr an Symptomen orientiert und nicht ausreichend empirisch und wissenschaftlich belegt ist. Wegen der Möglichkeit, jede Verhaltensauffälligkeit als „milde“ Störung zu diagnostizieren, wird zudem eine Flut an Diagnosen befürchtet. In diesem Zusammenhang wird kritisch auf die Verbindung von Autoren des DSM-V und der Pharmaindustrie, die von zu verschreibenden Medikamenten profitieren würde, hingewiesen.

Was bedeutet das für Diagnosen im Bereich „Autismus“?

Forscher gehen aktuell davon aus, dass es sich bei den autistischen Formen wie dem frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und dem Asperger-Syndrom um ein Spektrum von sehr milden bis schweren Verlaufsformen einer Entwicklungsstörung handelt, die bereits in der frühen Kindheit beginnt. Daher werden im neuen DSM-V alle Formen in einer Kategorie Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Besonderes Augenmerk liegt bei der Einstufung in „mild“, „mittel“ und „schwer“ auf den Diagnosekriterien soziale Interaktion, Kommunikation, repetitive Verhaltensweisen und fixierte Interessen. Außerdem spricht man nicht mehr von einer „mentalen Retardierung“, sondern von einer „intellektuellen Behinderung“.

Manche befürchten nun, dass es für betroffene Asperger-Autisten in Zukunft schwieriger werden wird eine Diagnose zu bekommen oder dass durch die Möglichkeit der Klassifizierung in Schweregrade nur eine milde Form des Autismus-Spektrums bescheinigt wird und notwendige Therapieformen in Folge dessen nicht mehr genehmigt werden. Selbst wenn man das Asperger-Syndrom als milde Form des Autismus bezeichnen würde, bedeutet das aber nicht, dass weniger Probleme damit verbunden sind – es sind lediglich andere Probleme und Bedarfe an Hilfestellung als zum Beispiel beim frühkindlichen Autismus.

Ausblick: Je nach Diagnosespektrum kann der DSM Ersatz oder Ergänzung für die Systematisierung nach ICD-10 sein. 2017 wird das auch für Deutschland gültige  und überarbeitete ICD-11 erscheinen; das DSM-V wird hierfür als Vorlage dienen.

(Der Termin für die Freigabe des ICD-11 wurde schon mehrfach verschoben. Wer sich darüber näher informieren möchte, hat HIER die Möglichkeit.)

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