Autismus und Misophonie

„Aber Niklas ist ja selber laut. Warum sollen wir dann nicht mit dem Löffel klimpern?“, fragt mich der kleine Max und spricht damit aus, was sich schon manch einer gedacht hat.
Denn so ist es in der Tat – für Niklas sind manche Geräusche unerträglich, obwohl sie gar nicht so laut sind wie andere Geräusche, die er zum Teil sogar selber fabriziert. Das ist erstmal schwer zu verstehen.
Wenn man sich mit dem Thema „Misophonie“ beschäftigt, wird es klarer.

 

ohrenWas ist Misophonie?

Das Wort Misophonie bedeutet aus dem Griechischen abgeleitet „Hass auf Geräusche“.
Viele Autisten sind sehr geräuschempfindlich. Diese Empfindlichkeit geht manchmal weit über das hinaus, was wir gemeinhin unter Geräuschempfindlichkeit verstehen. Das Kratzen von Kreide an der Tafel oder das Quietschen von Reifen findet manch einer unangenehm. Misophonie ist noch einmal ganz anders und gravierender als das Empfinden störender Geräusche.
Dabei ist nicht entscheidend, wie laut ein Geräusch ist. Die Abneigung bis hin zu Schmerzempfinden bezieht sich auf ganz bestimmte Geräusche, ganz unabhängig von deren Lautstärke.
Für manche ist es unerträglich, ganz normale Alltagsgeräusche wie Kauen, Schlucken oder Schlürfen zu hören. Andere stören sich extrem an Atemgeräuschen, aber auch Hundegebell, Glockengeläut, das Klicken von Kugelschreibern, das Klimpern von Besteck, bestimmte Zischgeräusche und vieles mehr können Auslöser für unsäglichen Kopfschmerz, Ekel und sogar Übelkeit, aber auch starker Aggression und immenser Wut sein. Das Geräusch kann partout nicht ertragen werden.
„Wenn jemand aus der Flasche trinkt und danach erschöpft ausatmet, könnte ich davon rennen“, erzählt mir eine Autistin. „Zähne putzen bei anderen ansehen zu müssen, ist eine absolute Qual für mich“, schreibt Paul (alle Namen geändert), ein 13jähriger Autist, „sowas von eklig!“ Und Isabel beschreibt: „Ich musste mich schon einmal übergeben, als jemand mit seinen Fingerknöcheln geknackt hat.“

Diese auslösenden Geräusche bezeichnet man als sogenannte „Trigger“. Der Reiz kann zunächst nur von einer Person ausgehen oder auch nur an einem bestimmten Ort wahrgenommen werden, weitet sich dann aber häufig auf weitere Personen, die ähnliche Geräusche machen, und andere Orte mit vergleichbarer Akustik aus.
In seltenen Fällen setzt auch ein visueller Reiz einen misophonischen Trigger. In diesem Fall reicht es womöglich schon aus, jemanden aus der Ferne beim Essen zuzusehen, um das Kaugeräusch als immens abstoßend zu empfinden.

 

Wie entsteht Misophonie?

Es gibt unterschiedliche Theorien zur Entstehung von Misophonie.
Eine besagt, dass dem verhassten Geräusch möglicherweise eine individuelle Erfahrung zugrunde liegt und Betroffene daher mit jedem neuen Geräusch etwas Negatives verbinden.
Manche gehen von einer genetischen Disposition aus, da Misophonie in Familien auch schon gehäuft festgestellt wurde.
Vieles spricht auch für eine andere Wahrnehmungsverarbeitung, eine von der „Norm“ abweichende neurologische Verknüpfung, die sich bei manchen Geräuschen bemerkbar macht.
Wissenschaftler sind sich bisher nicht darüber einig, ob Misophonie eine eigenständige Störung oder ein Symptom einer anderen Störung ist. Bisher kann man hier nur Vermutungen anstellen.
Herausgefunden hat man aber zum Beispiel am „Medical Center in Amsterdam“, dass sich Misophoniker ihre Abneigung nicht einbilden. Das haben EEG-Ableitungen bei Testpersonen gezeigt.

 

Welche Strategien gibt es, um sich vor schmerzenden Geräuschen zu schützen?

Manche Misophoniker machen bewusst selbst andere Geräusche, um das Ekel, Wut oder Schmerz auslösende Geräusch zu überdecken. Damit sind wir beim Eingangsbeispiel: „Er ist doch selber laut.“
Dieses selber laut sein bei unseren Kinder kann also eine Strategie sein, andere Geräusche zu überdecken: zum einen hört man das misophonische Geräusch dann nicht mehr (so deutlich), zum anderen hat man selbst die Kontrolle über ein neues, selbst verursachtes Geräusch.
Eine weitere Methode, verhassten Geräuschen zu entgehen, ist, bestimmte Orte, von denen man weiß, dass betreffende Geräusche auftreten, meidet. Das kann bedeuten, dass man Plätze in der Öffentlichkeit nicht mehr aufsucht, aber auch, dass man gewisse Ecken oder Zimmer im eigenen Haus meidet. Vielleicht brummt dort ein Lautsprecher oder der Kühlschrank piept oder eine Elektroleitung knistert oder, oder, oder. Das sind in der Regel Geräusche, die Nicht-Misophoniker überhaupt nicht hören oder aber doch hören und sie als gewöhnliches, nicht-störendes Alltagsgeräusch ausfiltern und gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Eine andere Strategie ist Davonlaufen. Wenn man nicht in der Lage war, die Situation zu vermeiden und sich mittendrin wiederfindet, hilft manchmal nur noch ein „auf und davon“. Ein Verhalten, das nach meiner Erfahrung viele autistische Kinder zeigen.
Es gibt auch therapeutische Ansätze, bei denen Misophoniker gezielt mit verhassten Geräuschen konfrontiert werden und ihnen dabei per kognitiver Verhaltenstherapie geholfen werden soll, die Geräusche auszuhalten und neu positiv zu besetzen.
Fraglich, ob dies bei einer anderen neurologischen Wahrnehmungsverarbeitung, die möglicherweise genetisch bedingt ist, zielführend ist. Wenn etwas schmerzt, dann schmerzt es und muss auch vom Umfeld in Form von Rücksichtnahme respektiert werden. Eine Anpassung und Normalisierung ist hier nicht möglich und kann meiner Meinung nach auch nicht erwartet werden.

 

Abgrenzung

Vielleicht lest ihr im Zusammenhang mit Besonderheiten beim Hören auch von „Hyperakusis“. Diese bezeichnet ein Problem mit Lautstärke, also eine Überempfindlichkeit gegenüber Schall. Betroffene empfinden Vieles einfach als zu laut, was eigentlich noch im Normbereich von angenehm empfundener Lautstärke liegt.
Manchmal liest man auch von „Phonophobie“. Diese Besonderheit bezeichnet eine Angststörung. Betroffene haben Angst vor bestimmten Geräuschen und erleiden deshalb Angstattacken. Allein die Erwartung eines solchen Geräusches kann bereits Panik auslösen.
Zu diesem Thema gibt es einen extra kleinen Beitrag.

 

Autismus und Misophonie

Misophonie ist eine eigenständige Störung, die aus vielfältigen, noch wenig erforschten Gründen auftritt.
Ein Mensch, der geräuschempfindlich ist, ist nicht automatisch Misophoniker.
Ein Misophoniker ist nicht automatisch autistisch, denn Autismus bedeutet, wie wir alle wissen, sehr viel mehr als „nur“ allergisch auf bestimmte Geräusche zu reagieren.

Tatsache ist aber, dass viele Autisten ganz bestimmte Geräusche extrem schmerzen, wütend und aggressiv machen und Ausmaße einer misophonischen Störung annehmen. Das Bewusstmachen einer solchen Besonderheit in der Wahrnehmung, das Verständnis dafür und das Entwickeln von Strategien im Umgang damit, können möglicherweise und hoffentlich helfen.

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Konkrete Tipps

  • Versuche herauszufinden, ob dein Kind in manchen Situationen besonders laut ist, weil es möglicherweise andere Geräusche überdecken möchte.
  • Versuche herauszufinden, ob dein Kind vor ganz bestimmten Geräuschen davon rennt oder wegen dieser Geräusche aggressiv und wütend wird.
  • Wenn du Auslöser gefunden hast, versuche sie zu vermeiden, zu reduzieren oder zu eliminieren.
  • Wenn es nicht möglich ist, bestimmte Alltagsgeräusche abzustellen, suche nach Hilfsmitteln (Ohrenschützer) oder gib deinem Kind in manchen Situationen ggf. einen Zeitrahmen vor, in dem das Geräusch nicht vermieden werden kann. Das gibt möglicherweise ein Gefühl von Kontrolle und Absehbarkeit.
  • Wenn du keine Auslöser findest und dein Kind sich nicht differenziert ausdrücken kann, frage nach Möglichkeit einen anderen Autisten, ob er eine Idee hat und etwas wahrnimmt, was du nicht hörst.
  • Wechsele in akuten Situationen nach Möglichkeit den Ort, auch wenn du kein konkretes Geräusch ausmachen kannst. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man dadurch dem Reiz entkommt.
  • Sprich mit deinem Kind über eine solche Situation, wenn sie vorüber ist und wenn alles wieder entspannt ist. Vielleicht ist es im Nachhinein möglich, etwas herauszufinden.
  • Kläre das Umfeld deines Kindes darüber auf, was Misophonie bedeutet, damit Verständnis und Rücksichtnahme möglich wird.

©www.ellasblog.de, Silke Bauerfeind

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10 comments

  • Daggi

    Ohja. Das kenne ich. Mein Keks rennt solange durch die Wohnung bis er den Ursprung des Geräusches gefunden hat. Kürzlich erst wieder. „Mama, hörst du das nicht? Nein, da ist doch nix.“ Und was wars? Die Spülmaschine war grad fertig und da war ein Plastikteil bei dem das Wasser aus den Dichtungen mit ein klein wenig Druck gedrückt wurde. Teil rausgeholt, auf den Balkon gestellt und die Welt war wieder in Ordnung. Oder:“Mama, warum schreist du so?“ Aber selbst in einer Lautstärke sich mitteilen, dass ich manchmal am liebsten wegrennen würde weil mir schier das Trommelfell zu platzen droht.

  • Martina Denysiuk

    Sehr hilfreiche Ausführungen, danke!

  • Zarinka

    Also bei mir persönlich würde ich jetzt zwar nicht von „Hass auf Geräusche“ sprechen, jedoch gegen Kauen, Schlucken oder Schlürfen, extreme Atemgeräusche, das Klicken von Kugelschreibern, das Klimpern von Besteck, mit dem Fingernagel gegen ein Glas oder gegen eine Tasse klopfen so wie bestimmte Zischgeräusche, kann ich ebenfalls absolut nicht gegen an. (Ist mir selbst völlig unbegreiflich, warum das so ist.)

    Hundegebell finde ich zwar nicht grundsätzlich unerträglich…kommt jedoch auf die Tonlage des Hundes an. Dauergebell eines Hundes finde ich jedoch generell schrecklich unerträglich.

    Das Brummen von Insekten…die Fluggeräusche einer Motte…oder z.B. Fliegen die gegen eine Fensterscheibe klatschen, sind ebenfalls sehr störend für mich. (Gibt eigentlich noch weit aus mehr Geräusche…die kann ich gar nicht alle aufzählen.)

    Und vernehme ich z.B. mal im Haus (oder auch außerhalb des Hauses) ein Geräusch oder einen Ton den ich nicht zuordnen kann, dann begebe ich so lange auf die Suche bis ich den „Ort der Störung“ ausfindig gemacht habe.

    Was ich jedoch außerdem absolut nicht ab kann, das sind Bilder oder Fotos oder Filmausschnitte auf denen nur der Mund und die Zähne von Menschen gezeigt werden (gibt da so eine Zahnpaster Werbung wo das der Fall ist).

    Da ekel ich mich einfach immer wieder…kann da einfach nicht gegen an. Genauso ist es auch wenn z.B. nur von einem Gesicht die Augen zu sehen sind…finde solche „halben Sachen“ von Gesichtern einfach immer wieder nur schrecklich ekelig anzusehen.

    Wird ein Gesicht jedoch vollständig gezeigt, dann habe ich damit nur selten bis wenig Probleme. Auf jeden Fall kann ich in diesem Fall immer selbst entscheiden und bestimmen wo genau ich hinsehen möchte…oder ob ich vielleicht einfach nur am Gesicht vorbei einen anderen Punkt anvisieren möchte.

  • Silke Burmeister

    Bei mir ist es tonloses Flüstern, das mich extrem aggressiv macht. Als ich Kind war hielt sich das noch im Rahmen, aber sobald meine Mutter entdeckt hat wie sie mich damit ärgern konnte hat sie es absichtlich ausgereizt. Verschlimmert wird das noch dadurch, wenn die Person einem dabei ins Ohr schnauft/haucht. Es kostet mich dann enorme Selbstbeherrschung die Person nicht mit der Faust nieder zu strecken. Sachte von mir weg stoßen muss dann aber mindestens sein!

    Meine Mutter selbst hat sich ironischer Weise immer an meinen angeblich zu lauten Schluckgeräuschen gestört. Wobei sie sich als Narzisstin generell an mir gestört hat, deswegen habe ich so meine Zweifel ob das bei ihr wirklich Misophonie war oder einfach nur wieder eine Taktik mein Selbstbewusstsein auf ein für sie erträgliches Maß zu stutzen!!!

  • Reinhard Rudolph

    Sehr gut beschrieben und sehr hilfreich zur Erklärung von „Der ist doch selber laut“!!

  • IAn Holler

    das sind interressante Ausführungen. HAbe mich auch shcon mit dem Thema beschäftigt, weil ich vermute da eien MIschform zu haben.ICH kenne es dass laute Geräusche einerseits mir generell stören, aber auch das mich manche Geräusche aggressiv machen, wie zum BEispiel das Summen eirn dicken Fliege. ICh muss sie dann verjagen oder erlegen, sonst habe ich keien Ruhe. NEulich hörte ich ein leises TRöpfeln. Ich musste solange in der Wohnung forschen, bis ich es herausgefunden habe. Vorher habe cih keien Ruhe. ABer es gibt vor ALlem am BAhnhof laute GEräusche von durchfahrenden ICE Zügen oder Güterzügen, oder das Quitschen der Bremsen, da fange ich dann an zu schukeln und zu brummen, um das zu übertönen. Oft halte ich mir auch die Ohren zu. ICH könnte die LIEste auch beliebig fortführen, aber man versteht sicher auch so, was ich meine.

  • Marian

    Ja ich habe Misophonie und bei mir wird auch das Asperger Symdron vermutet. Wenn ich den störenden Geräuschen ausgesetzt bin verletze ich mich schon mal selbst indem ich mein Schienbein gegen den Tisch schlage. Ich will einfach nicht ausrasten weil mich die Leute dann komplett für bekloppt halten. Das Ding ist, dass bei mir niemand rücksicht drauf nimmt und ich mir selbst helfen muss und dann macht man mir Vorwürfe wenn ich mich nur noch im Zimmer verkrieche.

    • Silke

      Das tut mir leid für Dich, Marian, dass keine Rücksicht genommen wird. Vielleicht kann Aufklärung weiterhelfen, z.B. den Artikel ausdrucken und den Menschen zeigen, mit denen Du viel zu tun hast. LG und alles Gute für Dich.

  • Klaudia Becker

    Danke, das war sehr Hilfreich,hab mir nun mal gerade Gedanken genacht was der Auslöser sein kann ,das mein Sohn im Auto extrem laut Klatscht, aber nur , in der Kalten Jahreszeit; fast die ganze fahrt über. Das Geräusch der Heizung stört ihn vermutlich, wenn ich dann sage er soll bitte aufhören damit , weil mur due ogreb weh tun ,dreht er nach kurzer zeit es Radio sehr laut auf das wiederum macht ihn dann nervös und er fängt an zu zappeln im Auto. Sagen konnte er mir bisher noch nicht, warum er so laut klatscht. Werde ihn nun mal darauf ansprechen ob die Heizung eventuell der Auslöser ist . Mein Sohn ist 16 und kann sich nicht so artikulieren betreff seiner eigenen Empfindungen. LG

  • Das kenn ich auch. Wenn Menschen Husten oder Schnarchen – werde extrem Aggressive könnte durch drehen, früher biin ich das auch. Mittlerweile helfen mir meine Kopfhörer

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