Autismus und Gefahrenbewusstsein

„Irgendwann wird das mal mächtig schief gehen.“
„Schon wieder fast vor ein Auto gerannt.“
„Wieder eine zerbrochene Glasscheibe und Splitter ohne Ende.“
„Was kaut er denn da? Irgendwann wird er sich an etwas Ungenießbaren vergiften.“
„Nicht den Kugelschreiber in die Steckdose stecken!“
„Er ist schon wieder im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Kopf durch die Wand gerannt. Wo soll das nur enden?“

Kennst du diese Gedanken und die Angst vor den Gefahren, die mit den Aktionen deines Kindes verbunden sind? Und ich meine hier keine Kleinkinder, die man ganz selbstverständlich noch an die Hand nehmen muss, sondern manche Schulkinder, Teenager und auch erwachsene Autisten, die keinerlei Gefahrenbewusstsein zu haben scheinen.
Bei uns treten immer wieder solche Situationen auf und daher habe ich recherchiert und allgemeine Informationen zum Thema „Gefahrenbewusstsein“ auf den Kontext „Autismus“ erweitert:

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Was ist das eigentlich – Gefahrenbewusstsein?
Man unterscheidet zwischen akutem, vorausschauendem und vorbeugendem Gefahrenbewusstsein.
„Akutes Gefahrenbewusstsein“ greift in Situationen, die bereits gefährlich sind, in denen z.B. ein Auto auf ein Kind zufährt, das auf der Straße steht. Aus diesem akuten Gefahrenbewusstsein heraus handeln wir: rufen, versuchen das Auto aufzuhalten und holen das Kind von der Straße weg.
„Vorausschauendes Gefahrenbewusstsein“ rechnet auch immer mit den Fehlern anderer. Zum Beispiel ist es ratsam, im Straßenverkehr darauf zu achten, ob der Verkehr viel weiter vorne ins Stocken gerät, um rechtzeitig bremsen zu können. Auch kann man dafür sorgen, dass bei einem angekündigten Sturm die Terrassenmöbel sicher deponiert werden. Der Sturm ist eine reale Gefahr, die man nicht vorbeugend abwenden kann. Sie wird eintreten, aber man kann ihr vorausschauend begegnen.
„Vorbeugendes Gefahrenbewusstsein“ lässt uns Vorkehrungen treffen, damit Gefahren gar nicht erst real werden. Das kann das Abschließen von Türen bedeuten, um Weglaufen zu verhindern, oder das Sichern von Daten auf dem Computer, um deren Verlust zu verhindern, aber auch das Wahrnehmen von Vorsorgeuntersuchungen, um der Gefahr einer lange unerkannten Krankheit vorzubeugen.

 

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Die „normale“ kindliche Entwicklung von Gefahrenbewusstsein
Erstes Gefahrenbewusstsein entwickelt sich im Durchschnitt in einem Alter von vier Jahren. Erst mit fünf oder sechs Jahren sind Kinder in der Lage, akute Gefahren zu erkennen, können aber in der Regel noch keine Strategien entwickeln, um Gefahren abzuwenden oder aus gefährlichen Situationen selbständig wieder herauszukommen. Die Gefahr wird erkannt, wenn sie da ist. (Der Toaster brennt. Das ist gefährlich. Und jetzt?)

Mit etwa acht Jahren überlegen sich Kinder zunehmend auch schon vorher, ob etwas gefährlich sein könnte und nehmen auch mal Einfluss auf den weiteren Verlauf. (Ich sollte lieber nicht auf den Baum klettern, ich könnte runterfallen.)

Erst mit etwa zehn Jahren entwickelt sich das vorbeugende Gefahrenbewusstsein. (Ich setze lieber einen Helm auf, weil ich vom Fahrrad fallen könnte.)

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Warum haben manche Autisten kein Gefahrenbewusstsein?
Viele Autisten haben ein sehr verringertes, manche überhaupt kein Gefahrenbewusstsein. Es wird einfach losgesprungen, losgeklettert, losgerannt, sich über Brüstungen gelegt, Ungenießbares verspeist, getreten, zerbrochen und zersplittert. Manchmal auch noch im Teenager- und Erwachsenenalter.
Warum ist das so?

Um Gefahren wahrzunehmen, sie vorausschauend eindämmen oder vorbeugend verhindern zu können, braucht man ein Gespür, also die Wahrnehmung dafür, was wirklich gefährlich ist und wie gefährlich etwas ist. Man braucht auch Erfahrungswerte, um Konsequenzen für Ereignisse verarbeiten und abspeichern zu können.

Zusammenhang zwischen Gefahrenbewusstsein und Wahrnehmung
Um Gefahren erkennen zu können, muss man aufmerksam sein.
Autisten sind meistens mit der Wahrnehmung so vieler intensiver Eindrücke beschäftigt, dass in manchen Augenblicken keine Möglichkeit mehr bleibt, die Aufmerksamkeit auf etwas Dringliches, Gefährliches zu lenken. Die Gefahr entgeht dem Autisten einfach.
Wenn man sich z.B. bei einem Gespräch während eines Spaziergangs darauf konzentriert, das gesprochene Wort seines Gegenübers aus Vogelgezwitscher, Blätterrauschen und Kindergeschrei herauszufiltern, kann einem das heranbrausende Auto schon mal entgehen.

Auch wenn sich ein Autist bewusst vornimmt, besser aufzupassen und z.B. den Straßenverkehr intensiv zu beobachten, kann es dennoch leicht zu Unfällen kommen. Das liegt daran, dass die Ablenkungsgefahr enorm groß ist. Ein schmerzendes Alltagsgeräusch (siehe Beitrag über Misophonie) reicht aus, um die Konzentration zu zerstören.

Die Wahrnehmungsverarbeitung von Autisten kann außerdem verzögert sein, so dass automatisch auch das Reaktionsvermögen eingeschränkt ist. Hoch und tief, heiß und kalt, schnell und langsam,… werden anders empfunden und gefiltert, so dass ein spontaner Impuls wie z.B. Händeheben oder sich ducken oder zur Seite springen evtl. nicht möglich ist.

Zusammenhang zwischen Gefahrenbewusstsein und motorischen Schwierigkeiten
Einige Autisten fallen durch eine etwas linkische und unbeholfene Motorik auf. Ungeschicklichkeiten im feinmotorischen Bereich oder auch in der Grobmotorik sind nicht selten. Manche Autisten zeigen eine auffällige Motorik in Form von Händeflattern, Hüpfen oder Hin-und Herrennen, wenn sie aufgeregt sind.
Das kann natürlich auch dazu führen, dass man Gefahren übersieht und sich verletzt.

Ebenso funktioniert das räumliche Sehen bei manchen Autisten anders, so dass Türschwellen, Stufen oder auch Distanzen anders eingeschätzt werden. Das führt möglicherweise zu Stolpern oder Anstoßen.

Andererseits muss aber auch gesagt werden, dass es oftmals außerordentlich erstaunlich ist, mit welcher Körperbeherrschung manche Autisten ungewöhnliche Bewegungen vollführen.

Zusammenhang zwischen Gefahrenbewusstsein und Erfahrungswerten
„Erfahrung macht klug“, haben sicher schon die meisten gehört. Und normalerweise sollte es auch so sein, dass man gewisse Fehler, die Schaden anrichten und Gefahr bedeuten, nicht allzu oft wiederholt. Viele Autisten können Erfahrungen aber nicht auf neue Situationen übertragen. Wenn mich das Auto in Nürnberg fast überfahren hätte, muss das ja in München nicht auch so sein. Wenn die Herdplatte bei Mama zu heiß ist, muss das ja bei Oma nicht auch so sein. Wenn ich den Spiegel im 1. Stockwerk nicht kaputt schlagen darf, muss das ja im Erdgeschoss nicht auch so sein.
Erfahrungen aus Situationen werden nicht selbstverständlich und automatisch in anderen Situationen angewendet. Auch konkret Erlerntes kann nicht immer schlüssig auf andere Lebensbereiche übertragen werden.

Zusammenhang zwischen Gefahrenbewusstsein und dem Blick auf Details
Viele Autisten erfassen in Situationen sehr gut einzelne Details, nicht aber das große Ganze. Das kann Vorteile haben, weil Dinge wahrgenommen werden, die vielen anderen Menschen entgehen. Wenn es allerdings darum geht, eine komplexe Situation wahrzunehmen, aus der heraus Gefahr droht, wird es zu einer großen Schwierigkeit. Denn was hilft es, wenn ich bemerke, dass bei einem heranfahrenden Auto das rechte Scheinwerferlicht dunkler ist als das linke, und ich mir darüber Gedanken mache, warum das so ist, dabei aber völlig übersehe, dass ich auf der Straße stehe und das Auto auf mich zufährt?

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Was kann man tun?
Wenn man ein Kind hat, das sich mit der Einschätzung von Gefahren schwer tut, bleibt nichts anders übrig als ständig aufzupassen und immer und immer wieder zu erklären, dass etwas gefährlich ist, sein kann oder sein wird.
Das fehlende Gefahrenbewusstsein des Kindes muss meiner Erfahrung nach durch ein besonders stark ausgeprägtes vorausschauendes und vorbeugendes Gefahrenbewusstsein der Eltern und anderer Bezugspersonen ausgeglichen werden. Womöglich müssen alle Außentüren abgeschlossen werden, weil das Kind eine starke Weglauftendenz hat. Womöglich müssen dauerhaft Schlösser an bestimmten Schränken angebracht werden. Und womöglich ist im Straßenverkehr kein Schritt möglich, ohne das Kind an der Hand zu halten.
Das Umfeld sollte nach Möglichkeit so gestaltet sein, dass die Gefahrenquellen minimiert werden.

Trotzdem sollte man nicht aufgeben, weiter zu erklären, Sicherheitswerte weiterzugeben und Situationen schon im Vorfeld zu erklären. „Wir sind zwar jetzt nicht bei Oma, wo die Tür neulich zersplittert ist, aber denk dran, diese Tür bei Tante Tina ist auch aus Glas und kann auch zersplittern.“ Auch konkrete Situationen, zum Beispiel im Straßenverkehr, regelmäßig zu üben, ist sicher hilfreich.
Gefahrenbewusstsein zu schulen, hört bei vielen autistischen Kindern ein Leben lang nicht auf und man fühlt sich als Elternteil manchmal wie eine Schallplatte mit Sprung, weil man 5, 10, 15, 20 Jahre lang immer wieder dasselbe erklärt. Aber es lohnt sich, weil manchmal nach 10000 Predigten doch auch mal etwas hängen bleibt.

100% Sicherheit gibt es nicht – für niemanden – und gerade deshalb werden wir weiter unseren Kindern voraus oder hinterher rennen, mit ihnen auf Bäume klettern und uns schützend vor sie werfen, um sie vor dem zu bewahren, was wir an ihrer Stelle sehen.

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9 comments

  • Michaela Limpach

    Halo liebe Silke.
    Darf ich mir das für meine Selbsthilfegruppe kopieren? Das wäre eine gutes Thema für unser nächstes Treffen.

  • Heike

    Ich kann gar nicht sagen, wie sehr dieses Thema bei uns die ersten 8 Jahre im Vordergrund stand.
    Mir ist, als würden wir – seit unser Kind laufen kann – gedanklich schon immer mindestens 100m voraus laufen. Bei jeder Wanderung, bei jedem Besuch in unbekanntem Umfeld, bei jedem Ausflug. Egal, wo wir waren, wir Eltern waren gedanklich schon 100m weiter vorne und haben sondiert…
    Unser Haus war die reinste Festung. Überall Türschutzgitter, Tische und Stühle mit Absperrgittern gesichert, die Haustür immer abgeschlossen.
    Der Spielplatz war ein Ort, an dem wir mehr Nerven gelassen haben als an jedem anderen. Rutschen, Schaukeln, Klettergerüste…aber eben auch andere Kinder und soziale Kontakte…nur deshalb sind wir hin…
    Parkplätze, Schwimmbäder, Zoos…
    Und immer wiederkehrend das umfassende Verständnis einer „wohlmeinenden“ Umgebung: „Ihr müsst das Kind einfach mal loslassen…“

    Wenn wir das getan hätten, tun würden – nun, darüber möchte ich nicht nachdenken.

    Aber wir wissen, dass es richtig ist, was wir tun und wie wir es tun.

    Wir haben gelernt, immer 3 Schritte weiter zu denken, zu sein, zu handeln wie unser Kind. Es ist zu unserer zweiten Natur geworden.

    Schritt für Schritt wird es besser. Das Kind aufmerksamer. Erfahrener.

    Im Festhalten das Freisein zulassen…wir üben jeden Tag daran…

    Danke für Deine Worte Silke

  • Meggie

    Ich mache mir große Sorgen um die „Gesundheits-Fürsorge“ meines Sohnes. Er schaut zwar nach rechts und links, wenn er über die Straße geht, aber was ist mit der anderen Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber? Wann merkt er z.B. ,dass ihm etwas weh tut, oder dass evtl. sonst etwas nicht stimmt ? Könnte es dann nicht schon zu spät sein?

  • Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #290

  • Steffen

    Dann ist es ja auch sehr gefährlich wenn man einen Führerschein machen will und man dann als Autofahrer bzw. Motorradfahrer unterwegs ist.

  • Fabian

    Also ich habe atypischen Autismus (in Richtung Asperger-Syndrom) und ich finde, dass ich eher übervorsichtig bin. Ich trinke beispielsweise, wenn überhaupt, nur sehr wenig Alkohol. (Das meiste habe ich vorgestern beim „Abschlusssaufen“ getrunken: 3Plastikbecher mit Sekt und Orangensaft über 6 Stunden verteilt, während die anderen viel mehr Alkohol zu sich genommen haben. Einen habe ich gefragt und der hat mir geantwortet, er hätte 5 Halbe Bier und ein Jacky-Cola (ist das richtig geschrieben?) getrunken… )

    Oder ich rauche beispielsweise nicht (erstens stinkt das Zeug bestialisch und zweitens, wer weiß, was da alles drinnen ist?)

    Oder wir nehmen das Beispiel Feuer: Ich traue mich bis heute nicht, etwas anderes mit den kleinen Feuerzeugen oder den normalen Streichhölzern anzuzünden, weil ich Angst habe, mich dabei zu verbrennen. Deshalb nehme ich dafür grundsätzlich nur diese großen Stabfeuerzeuge her. Und dies auch nur, wenn ich es für Sicher halte. (Ich möchte es nicht ausprobieren, wenn die Flamme in das Feuerzeug wandert und dort das Gerät zur Explosion bringt… )

  • Sabrina

    Mein Sohn ist 6jahre grade in die Schule gekommen er leidet an autismus mit einer schweren weglauftendenz und kann keine Gefahren einschätzen ich behüte ihn total aber in der förderschule ist er schon 2mal weggelaufen und das sehr weit alle Türen offen und bei den aufpassen meines Sohnes tue die sich schwer trotz i-kraft habe schon viele Gespräche geführt aber zu keinem Ergebnis gekommen mit der Schule hat jemand eine ahnung wo und wie ich mich beschweren kann? Ich hab total angst das mein Sohn was passiert

  • Monika

    So gut erklärt 👍
    Genau so ist es. Wir checken alles ab…Kommt da eine Einfahrt? … Ein Radfahrer auf dem Fußweg?…Ein Kind mit Roller oder Inliner ? Usw.
    Wir sind so programmiert vorausschauend zu sichern, planen usw.
    Das ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es schon völlig normal ist. Schlimm sind nur die Leute, die meinen, dass das Kind dies doch inzwischen gelernt haben muss bzw. Leute, die sich darauf verlassen, dass unser Kind an der Straße stehen bleibt oder nicht weg läuft, nur weil es 100mal geklappt hat.
    Danke für deinen Beitrag 🤗🤗🤗

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