Auch positive Entwicklungen kosten Kraft

In letzter Zeit kam es einige Mal vor, dass Niklas aus heiterem Himmel einen Zusammenbruch hatte, schrie und aus einer Spirale von Schreien, herumlaufen und seinen Kopf unter meinen Arm stecken wollen lange nicht mehr herauskam.
Er schien völlig am Ende und verzweifelt.
Und wir verstanden zum Teil die Welt nicht mehr, weil der Tag bis dahin doch so schön gewesen war, weil Dinge geklappt hatten, die noch nie zuvor möglich gewesen waren und weil uns nicht immer ein wirklicher Auslöser einfiel.

Das Gespräch mit einer Autistin brachte mich auf eine neue Denkweise, was diese Zusammenbrüche anbelangt.

***

Auch positive Entwicklungen, gelungene Ausflüge und schöne Begegnungen kosten Kraft.

Die Tatsache, dass Niklas lieber als alle Jahre zuvor in den Garten geht, Vogelgezwitscher, Flugzeuggeräusche und Rasenmäher im Nachbarsgarten besser kompensieren kann, bedeutet nicht, dass es ihm nichts mehr ausmachen würde.
Diese Kompensation, das „dealen“ mit der Situation kostet Kraft.

Die Tatsache, dass er seit etwa einem Jahr immer öfter auf Toilette geht, er kaum noch Windeln braucht und sich mächtig freut, wenn die Klogänge klappen, bedeutet nicht, dass es ihn nicht Kraft kostet, aufmerksam zu sein und diese Entwicklung anzunehmen.
Fortschritte kosten Kraft auch noch nachträglich, weil sich etwas verändert hat, das verarbeitet werden muss und weil mit diesem Fortschritt auch eine neue Erwartungshaltung an ihn herangetragen wird.

Die Tatsache, dass er super gerne beim Geburtstag seiner Schwester dabei ist, sich freut, dass die Familie da ist und er ganz lange Zeit mittendrin lachend dabei ist, bedeutet nicht, dass es ihm nichts ausmachen würde.
Die Anpassung an die Situation und das Ertragen der Geräuschkulisse kosten Kraft.

Das sind nur ein paar Beispiele dafür, die zeigen, dass absolut positive Dinge trotzdem Energiefresser sein Batterienkönnen. Andere Faktoren können zum Beispiel die Gegenwart von Menschen sein, die als unangenehm empfunden werden, Erfahrungen, die mit Ausgrenzung zu tun haben, Situationen, die als ungerecht empfunden werden, oder auch das Mitempfinden von Traurigkeit, Wut und allgemein intensiven Gefühlen anderer. Denn im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen können AutistInnen natürlich auch mitfühlen, wenn jemand traurig, gestresst oder verärgert ist.

Wenn sich nun nach einem solchen Tag, an dem doch alles so gut geklappt hat, eine Situation anschließt, in der schon eine Kleinigkeit ärgerlich oder frustrierend ist, kann das ausreichen, um einen Zusammenbruch nach sich zu ziehen.
Wie ein großes Fragezeichen stehe ich dann vor Niklas, weil ich nicht begreife, was genau nun so schlimm war, aber dieses „was genau“ gibt es vielleicht gar nicht immer, sondern das Zusammenwirken von allem muss dann gesehen werden: Viele durchaus auch positive Aktionen, Begegungen und Entwicklungen, die Energie verbraucht und nicht mehr genug übrig gelassen haben, um mit etwas Unerwartetem zurechtzukommen.

Mir hat es sehr geholfen, mir dies zu vergegenwärtigen, weil ich nun hoffentlich achtsamer mit Niklas´ Ressourcen umgehen kann. Wenn ein Tag super war, bedeutet es nicht, dass man noch etwas und noch etwas und noch etwas dazu planen und ausprobieren sollte, sondern dass man es auch einfach mal gut sein lässt. Es war genau so gut, wie es war. Und morgen ist ein neuer Tag für neue Dinge.

 

Für einen Reizüberflutung kann also neben ganz konkreten und klar zu identifizierenden auslösenden Faktoren auch eine Entwicklung und ein (durchaus positiver) Prozess verantwortlich sein.

 

 

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5 comments

  • Tessa

    Dieser Kommentar trifft’s mal wieder genau. Auch wir haben diese Erfahrungen mit unserem autistischen Sohn gemacht. Inzwischen beenden wir Ausflüge z. B. zum Schwimmen am See oder in einem Freizeitpark immer nach kurzer Zeit, um ihn nicht zu überfordern. Lieber kommen wir alle nach einem kurzen Ausflug entspannt nach Hause als eine Überforderung unseres Sohnes zu riskieren. Es ist aber auch bei uns einige Male schief gegangen, bis wir diese Erkenntnis hatten. Es ist immer wieder schön zu lesen, daß man mit diesen Problemen nicht allein ist.

  • Stefanie

    Danke für diese Erkenntnis, das ist wirklich sehr hilfreich 👍

  • Jo Landas

    Bei Teenagern und jungen Erwachsenen kommt vielleicht zeitweise auch noch erschwerend dazu, wenn sie sich ihrer Situation und ihrer möglichen Zukunftsperspektiven im Vergleich zu Gleichaltrigen (oder Geschwistern) zunehmend bewusster werden. Vielleicht auch gerade dann, wenn die Diskrepanz zwischen ihrer Fähigkeit, dies bewusst zu erleben und der eigenen behinderungsbedingten Hilflosigkeit besonders groß ist.

  • Zarinka

    „Fortschritte kosten Kraft auch noch nachträglich, weil sich etwas verändert hat, das verarbeitet werden muss und weil mit diesem Fortschritt auch eine neue Erwartungshaltung an ihn herangetragen wird.“

    Das ist meiner Meinung nach eines der größten Probleme überhaupt…nämlich die Erwartungshaltung Anderer die immer wieder neu an den Autisten herangetragen wird.

    Ähnliche Erfahrung mache ich zur Zeit gerade auch mit meinem Sohn.

    Hier ist es im Augenblick sein Arbeitgeber der immer wieder mit einer neuen Erwartungshaltung an ihn heranzutreten scheint.

    (Alle Mitarbeiter müssen ständig Überstunden machen…egal ob schwerbehindert oder nicht schwerbehindert…besonders schlimm wenn Feiertage angestanden haben, dann heißt es vor- und nacharbeiten.)

    Jeder noch so kleine Fortschritt meines Sohn, mündet leider sofort auch gleich in eine neue Erwartungshaltung des Arbeitgebers: “die Arbeit muss schließlich getan werden, und es gibt so viel zu tun was leider keinen Aufschub zulässt“.

    Er redet einfach alles nach was hier der Arbeitgeber ständig vorredet.

    (Jedoch für mehr Personal ist leider kein Geld da…Arbeitgeber scheinen nie Geld zu haben…und auch der öffentliche Dienst scheint ebenfalls ständig von Geldmangel betroffen zu sein.)

    Was ich damit sagen will ist: egal in welchem Alter sich Autisten auch befinden mögen, sein Umfeld tritt eigentlich ständig mit neuen Erwartungshaltungen an ihn heran. Und jeder noch so kleine Fortschritt wird anscheinend mit einer weiteren Erwartungshaltung quittiert.

    Irgendwann kommt es dann auch bei meinem Sohn (anscheinend) urplötzlich zu einem „Ausraster“ der dazu führt dass er nicht mehr in der Lage ist „richtig zu denken und zu sprechen“ wie er selbst dann immer sagt…und er reagiert nur noch wütend, verärgert und frustriert… einfach unfähig irgendwie zu handeln bis hin zum völligen Rückzug in sich selbst.

    Und dies erlebt er natürlich völlig bewusst…das macht ihm dann sehr zu schaffen, und es erschwert dann vieles noch zusätzlich.

  • Martina scheidhauer

    Auch von mir herzlichen Dank, für diese hilfreichen Erkenntnisse.Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich das Tempo meiner Tochter im Alltag nicht respektiere.Dieser Beitrag wird mir in Zukunft helfen mich zu bremsen!

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