Als Niklas 18 Jahre alt wurde, fuhren meine Gefühle Achterbahn

Torte 18Ja, als Niklas 18 Jahre alt wurde, da herrschte Chaos in meinem Inneren.
Ich erinnerte mich daran, wie meine Tochter vor viereinhalb Jahren 18 wurde, wie sie feierte, wie selbständig sie war, dass sie seitdem durch die Welt tingelt, ihr Studium wuppt und eine tolle junge Frau geworden ist.

Und Niklas – er ist auch ein toller junger Mann – mit unvergleichlichem Humor, verschmitztem Schelm, dem Talent, Menschen für sich einzunehmen, aber auch absolut unselbständig, so dass er eine vollumfängliche Betreuung braucht.

(Zu den rechtlichen Belangen, dem Verfahren und unseren Erfahrungen zum Antragsverfahren einer gesetzlichen Betreuung werde ich noch einen separaten Beitrag verfassen.)

Es ist schon ein spezielles Gefühl, einen erwachsenen Sohn zu haben, der in allen Belangen Hilfe braucht:
bei der Hygiene, beim Essen und Trinken, beim Anziehen, bei gesundheitlichen Angelegenheiten, ihn ständig wegen Selbst- und Fremdgefährdung und Weglauftendenz beaufsichtigen zu müssen, immer noch in der Nacht aufzustehen, fremden Menschen zu übersetzen, weil er nicht spricht, sondern gebärdet und zu wissen, dass er ein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein wird – später, wenn wir nicht mehr dazu in der Lage sein werden, auf fremde Hilfe.
Die üblichen Floskeln von wegen Eltern müssen loslassen, bekommen hier ganz andere Maßstäbe. Denn selbstverständlich werden auch wir uns von Niklas lösen, schon alleine deshalb, weil wir die Pflege nicht ewig leisten können, und weil er sich auch ohne uns mit neuen Impulsen weiterentwickeln wird und dafür Freiraum nötig ist.
Aber der Zeitplan und auch der Umfang dessen, was man unter „Loslassen“ versteht, ist hier ein ganz anderer und muss sehr individuell gesehen werden.

Nun bestehen Niklas‘ Einschränkungen ja nicht erst seit seinem Geburtstag, sondern schon immer und man sollte meinen, dass ich mich daran gewöhnt und es verarbeitet habe.
Klar, es geht eigentlich so weiter wie bisher, nur dass wir Eltern keine Erziehungsberechtigten, sondern jetzt gesetzliche Betreuer sind und weiter für ihn da sind Hand in Handund uns um alles kümmern und uns ggf. dafür mit einem Betreuerausweis legitimieren müssen.
Für uns ist das alles selbstverständlich – natürlich sind wir für ihn da, solange wir können. Insofern war es auch komisch, im Laufe des Betreuungsverfahrens offiziell gefragt zu werden, ob wir uns weiter kümmern möchten. Ein ganz seltsames Gefühl… ja klar möchte ich … und wenn nicht?… was dann?… undenkbar … für uns jedenfalls … andere können vielleicht nicht mehr … und was dann? … was, wenn ich nicht mehr kann? … Die Frage wühlte mich auf……

Am Tag seines 18. Geburtstages vermengten sich viele Gefühle und Gedanken miteinander. Es gibt einfach Situationen, in denen Dinge, mit denen man sich arrangiert hat, wieder stärker ins Bewusstsein rücken und u.a. wehmütig machen.
Etliche Male hatte ich einen dicken Kloß im Hals (rw) und drückte meine Gefühle bewusst zur Seite, um einfach nur zu funktionieren, als die Gäste da waren. Es war Niklas‘  Tag und er sollte keine sentimental-grübelnde Mama haben, um die er sich sorgt (denn das tut er immer, wenn ich mal weine oder traurig bin).
Und es wurde ja auch ein ganz toller Tag, über den ich HIER schon geschrieben hatte. Und es war so wunderbar, dass viele sehr liebe Menschen bei ihm waren, an ihn dachten, anriefen oder schrieben.

Am Folgetag war es dann bei mir vorbei. Gefühle verdrängen funktionierte nicht mehr und so kam dann doch all die Sorge um Niklas hoch:
Was wird mal werden? Wer grübelnwird sich kümmern, wenn wir es nicht mehr können? Was können wir alles tun, um ihm eine bestmögliche Zukunft zu ebnen? Wird er ein glückliches Leben führen?
All das und noch mehr brach sich Bahn und musste in einem Riesenschwall einfach raus… und am übernächsten Tag ging es noch eine Weile so weiter….

… Und jetzt ist es wieder gut… und es überwiegen Gedanken wie: Wir haben schon so viel geschafft. Er hat sich toll entwickelt. Er gebärdet einfach einmalig. Es gibt so viele liebe Menschen, die für ihn da sind. Er ist ein Kämpfer. Er ist ein Familienmensch….. und noch so viel mehr Wunderbares.

Sicherlich geht es anderen auch so. Und ich glaube, dass es normal ist, wenn bestimmte Sorgen und auch ein Teil Trauer einen ab und zu mal wieder einholen. Verarbeitung verläuft nicht linear, sondern in Spiralen. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man nicht in einer Abwärtsspirale oder einem dunkleren Teil einer dieser Spiralen (rw) verharrt oder sich zu sehr gehen lässt und schnell wieder all das Positive im Leben sieht.
Denn davon gibt es ja sooo viel.
Ich wünsche Euch jedenfalls, dass es so ist.

Und was Niklas angeht: er ist mächtig stolz auf seine 18 Jahre und hört nicht auf, mir zu demonstrieren, dass er inzwischen viel größer als ich ist und mir auf den Kopf spucken könnte 😀 Die Betonung liegt hier wohlbemerkt auf „könnte“ 😉

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Zum Weiterlesen:

Gedanken-Grübel-Gemenge – wenn man sich ständig Sorgen macht

Der 18. Geburtstag des Heldentigers

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